
Entgegen der landläufigen Meinung ist die Herstellung von charakterstarkem Apfelwein keine simple Saftpressung, sondern eine anspruchsvolle Handwerkskunst, die dem Apfel seine wilde Natur abringt.
- Tafeläpfel aus dem Supermarkt sind ungeeignet; nur alte Streuobstsorten liefern die nötige Säure und Gerbstoffstruktur.
- Die Balance der aggressiven Apfelsäure und die Kontrolle der blitzschnellen Oxidation sind die zentralen Herausforderungen für den Kelterer.
Empfehlung: Achten Sie auf Apfelwein von Streuobstwiesen, um die authentische Geschmacksvielfalt zu erleben, die aus diesem anspruchsvollen Prozess entsteht.
Wenn Sie ein Glas Wein genießen, denken Sie vielleicht an sanfte Hügel, an edle Reben und an die sorgfältige Arbeit des Winzers, der die Trauben zu einem harmonischen Ganzen komponiert. Man stellt sich das Keltern von Äpfeln oft viel rustikaler, einfacher vor. Ein Korb voll Äpfel, eine Presse, fertig ist der Most. Als Keltermeister aus dem Herzen Hessens kann ich Ihnen aber sagen: Die Wahrheit sieht anders aus. Der Apfel ist, verglichen mit der Traube, ein wildes, ungezähmtes Biest. Ihn zu einem ehrlichen, charakterstarken Apfelwein zu verwandeln, ist eine Kunst für sich – eine, die ganz eigene Regeln und Herausforderungen hat.
Viele glauben, jeder Apfel mache guten Saft. Doch die süßen, knackigen Äpfel aus dem Supermarkt sind für einen echten Schoppen so ungeeignet wie Tomaten für einen Obstsalat. Die eigentliche Meisterschaft beginnt schon bei der Auswahl der richtigen Frucht und setzt sich fort im Kampf gegen die Zeit, die brachiale Säure und die Tücken der Technik. Es geht nicht darum, dem Apfel etwas aufzuzwingen, sondern darum, seinen Charakter zu verstehen und ihn zu lenken. Dieser Weg ist oft steinig, aber das Ergebnis ist ein Getränk von unvergleichlicher Ehrlichkeit und Tiefe.
In diesem Artikel nehme ich Sie mit in meine Welt, die Welt des Kelterns. Ich zeige Ihnen, warum die Herstellung von Apfelwein so viel mehr ist als nur das Pressen von Obst. Wir werden die fundamentalen Unterschiede zur Weinherstellung aufdecken und die spezifischen Hürden beleuchten, die wir Kelterer meistern müssen, um Ihnen am Ende ein authentisches Glas „Stöffche“ einschenken zu können.
Um die spezifische Kunst der Apfelweinherstellung zu verstehen, werden wir die entscheidenden Stationen des Kelterns Schritt für Schritt durchleuchten. Von der Auswahl des perfekten Apfels über die kritischen Momente der Verarbeitung bis hin zur traditionellen Genusskultur deckt dieser Leitfaden die Aspekte auf, die einen guten Apfelwein von einem bloßen Fruchtsaft unterscheiden.
Inhalt: Die ungeschönte Wahrheit über das Keltern von Apfelwein
- Warum machen Tafeläpfel aus dem Supermarkt keinen guten Apfelwein?
- Wie verhindert der Kelterer, dass der Saft sofort braun und unansehnlich wird?
- Wie balanciert man die aggressive Apfelsäure, ohne Zucker zuzusetzen?
- Schmeckt der Saft aus der alten Packpresse anders als aus dem modernen Tank?
- Warum darf man faule Äpfel auf keinen Fall mitkeltern (Patulin)?
- Warum ist der Vorlauf-Saft oft der wertvollste Teil der Kelterung?
- Wo in Deutschland gibt es noch eine lebendige Most-Kultur (Schwaben, Trier)?
- Bembel, Geripptes und Schoppen: Wie genießt man Apfelwein traditionell und korrekt?
Warum machen Tafeläpfel aus dem Supermarkt keinen guten Apfelwein?
Die erste und vielleicht wichtigste Lektion beim Keltern lautet: Nicht jeder Apfel ist gleich. Ein knackiger, süßer Gala oder Pink Lady mag ein Genuss für den direkten Verzehr sein, doch für einen charakterstarken Apfelwein sind sie gänzlich ungeeignet. Ihnen fehlt das, was wir Kelterer das Rückgrat nennen: eine ausgewogene Struktur aus Säure und Gerbstoffen (Tanninen). Tafeläpfel werden seit Jahrzehnten auf Optik, Süße und Lagerfähigkeit im Kühlhaus gezüchtet. Ihre natürlichen Phenole und die markante Säure wurden ihnen quasi weggezüchtet. Ein Wein nur aus diesen Äpfeln wäre dünn, wässrig und ohne jeglichen Charakter – eine süßliche Enttäuschung im Glas.
Das wahre Gold für den Apfelwein wächst auf den traditionellen Streuobstwiesen. Hier finden wir alte, oft knorrig aussehende Sorten wie den Bohnapfel, den Boskoop oder die Goldparmäne. Diese Äpfel sind das genaue Gegenteil ihrer Supermarkt-Verwandten. Sie sind oft kleiner, fester und im Rohzustand so sauer, dass man das Gesicht verzieht. Doch genau das ist ihr Schatz. Sie bringen eine hohe Konzentration an Aromen, eine kräftige Säure und ein komplexes Gerbstoffgerüst mit, das dem Apfelwein später seine Tiefe, seinen Körper und seine Lagerfähigkeit verleiht. Die Qualität alter, hoch gewachsener Apfelsorten von diesen artenreichen Wiesen ist entscheidend für die geschmackliche Vielfalt.
Die Unterschiede sind nicht nur gefühlt, sondern auch messbar. Die folgende Gegenüberstellung zeigt, wie fundamental sich die beiden Apfeltypen unterscheiden.
| Eigenschaft | Tafeläpfel | Mostäpfel |
|---|---|---|
| Phenolgehalt (mg/l) | 300-400 | 500+ |
| Säuregehalt | Niedrig (süßlich) | Hoch (6-7 g/l) |
| Tannine | Minimal | Reich |
| Apfelsorten | Gala, Pink Lady | Boskoop, Bohnapfel, Goldparmäne |
Wie diese vergleichende Analyse verdeutlicht, liefern Mostäpfel schlichtweg mehr von den Inhaltsstoffen, die für einen komplexen Gärprozess und ein lagerfähiges Endprodukt notwendig sind. Sie sind die ungeschminkte, ehrliche Basis für einen Apfelwein, der eine Geschichte zu erzählen hat.
Wie verhindert der Kelterer, dass der Saft sofort braun und unansehnlich wird?
Sobald der Apfel zerkleinert ist, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Anders als die meisten Traubensorten besitzt der Apfel eine hohe Konzentration an Enzymen, insbesondere der Polyphenoloxidase. Kommt das offene Fruchtfleisch mit Sauerstoff in Berührung, startet eine blitzschnelle Reaktion: Der Saft wird braun. Dieses Phänomen, die enzymatische Bräunung, ist nicht per se schlecht – traditionell wurde in Hessen oft bewusst „braun gekeltert“. Es führt zu einem rustikaleren, oft erdigeren Geschmack. In der modernen Apfelweinherstellung streben wir jedoch meist einen klaren, goldgelben Saft an, der die frischen Fruchtaromen bewahrt.
Die größte Herausforderung besteht darin, den Kontakt mit Sauerstoff so gering wie möglich zu halten. Jeder Moment, von der Mühle bis in die Presse und von dort in den Tank, ist ein kritisches Zeitfenster. Wir arbeiten schnell und mit geschlossenen Systemen, wo immer es geht. Eine gängige Methode ist der Einsatz von Ascorbinsäure (Vitamin C), die als Antioxidans wirkt und die Reaktion der Enzyme blockiert. Sie wird der Apfelmaische direkt nach dem Mahlen zugegeben. So schützen wir die feinen Aromen und die helle Farbe, ohne die Natürlichkeit des Produkts zu beeinträchtigen.

Die Kunst liegt darin, genau die richtige Balance zu finden. Zu viel Eingriff kann unnatürlich wirken, zu wenig führt zu einem schnellen Verlust von Frische und einem trüben, unattraktiven Most. Moderne Pressen, die unter Schutzgasatmosphäre arbeiten, minimieren den Sauerstoffkontakt ebenfalls drastisch. Es ist ein ständiges Abwägen zwischen Tradition und Technologie, um den wilden Charakter des Apfelsaftes zu zähmen, ohne seine Seele zu brechen.
Wie balanciert man die aggressive Apfelsäure, ohne Zucker zuzusetzen?
Wenn Sie schon einmal in einen echten Mostapfel gebissen haben, kennen Sie sie: diese brachiale, fast aggressive Säure, die den Mund zusammenzieht. Das ist primär die Apfelsäure, und sie ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits gibt sie dem Apfelwein seine Frische, seine Struktur und macht ihn haltbar. Andererseits kann sie im Übermaß kantig, spitz und unangenehm schmecken. Anders als beim Wein, wo oft Zucker zugesetzt wird (Chaptalisation), um den Alkoholgehalt zu erhöhen und die Süße die Säure puffern zu lassen, ist dies beim traditionellen Hessischen Apfelwein tabu. Unsere Herausforderung ist es, diese Säure auf rein natürlichem Wege zu bändigen.
Dafür haben wir Kelterer einen ganzen Werkzeugkasten an traditionellen Methoden. Eine der elegantesten ist der biologische Säureabbau (BSA), auch malolaktische Gärung genannt. Dabei wandeln spezielle Bakterien die scharfe Apfelsäure in die wesentlich weichere, mildere Milchsäure um. Das verleiht dem Wein eine cremigere Textur und rundet den Geschmack ab. Eine weitere wichtige Technik ist der Verschnitt: Wir mischen gezielt Partien von sehr säurebetonten Sorten wie dem Boskoop mit säureärmeren, aromatischeren Sorten wie der Goldparmäne. Das ist wie das Mischen von Farben auf einer Palette, um den perfekten Ton zu treffen.
Einige Kollegen, vor allem im Odenwald, schätzen auch die Zugabe von Früchten wie dem Speierling, einer kleinen, herben Wildfrucht, die extrem reich an Gerbstoffen ist. Sie verleiht dem Wein mehr Struktur und Lagerfähigkeit. Doch selbst hier ist Vorsicht geboten, wie ein alter Keltermeister aus dem Odenwald im Fruchtwein-Forum treffend bemerkte:
Unsre Ebbelwoi ist auch so schon herb genug, mit Speierling wuerd‘ ihn keiner mehr trinken.
– Odenwälder Keltermeister, Das Fruchtwein-Forum
Diese Aussage zeigt das Feingefühl, das nötig ist. Es geht nicht darum, eine Zutat hinzuzufügen, sondern darum, die Harmonie im finalen Produkt zu finden. Jeder Jahrgang, jede Apfellieferung ist anders und erfordert eine neue, sensible Abstimmung.
Schmeckt der Saft aus der alten Packpresse anders als aus dem modernen Tank?
Ja, und der Unterschied ist fundamental. Die Wahl der Presse ist keine rein technische, sondern eine philosophische Entscheidung, die den Charakter des Apfelweins maßgeblich prägt. Die traditionelle Korb- oder Packpresse, bei der die Apfelmaische in Tüchern schichtweise aufgebaut wird, arbeitet mit relativ niedrigem Druck und über einen langen Zeitraum. Der Saft sickert langsam, fast bedächtig, aus der Maische. Dieser sanfte Prozess extrahiert weniger harte Gerbstoffe aus den Schalen und Kernen. Gleichzeitig kommt der Saft mehr mit Sauerstoff in Kontakt, was zu einem runderen, weicheren und oft etwas rustikaleren Mundgefühl führt. Der Wein bekommt eine andere Textur, eine andere Seele.
Im Gegensatz dazu stehen moderne Band- oder Hydraulikpressen. Sie sind wahre Kraftpakete der Effizienz. Mit hohem Druck pressen sie in kürzester Zeit das Maximum an Saft aus den Äpfeln, was die Saftausbeute von etwa 60-70 % auf bis zu 85 % steigern kann. Dieser hohe Druck löst jedoch auch mehr Tannine und Phenole, was zu einem herberen, strukturierteren, manchmal aber auch kantigeren Apfelwein führen kann. Da diese Systeme meist geschlossen sind und unter Schutzgas arbeiten, bleibt der Saft sehr hell und die primären Fruchtaromen werden stark konserviert. Das Ergebnis ist oft ein technisch sauberer, aber manchmal auch weniger komplexer Wein.
Die Entscheidung hängt vom gewünschten Stil ab. Will man einen klaren, fruchtbetonten, modernen Apfelwein, ist die Bandpresse ideal. Sucht man hingegen einen Wein mit weicheren Tanninen, mehr Körper und einem traditionellen Charakter, führt kaum ein Weg an der bedächtigen Arbeit einer alten Packpresse vorbei. Es ist der Unterschied zwischen einer industriellen Fertigung und handwerklicher Bildhauerei – beides kann zu einem Ergebnis führen, aber der Weg und die Seele des Produkts sind völlig verschieden.
Warum darf man faule Äpfel auf keinen Fall mitkeltern (Patulin)?
Bei der Lese der Äpfel auf der Streuobstwiese gilt eine eiserne Regel, die über allem steht: Keine faulen Äpfel ins Lesegut! Was wie eine simple Qualitätsregel klingt, hat einen ernsten gesundheitlichen Hintergrund. Faule oder schimmelige Stellen am Apfel, insbesondere die typische Braunfäule, können von Schimmelpilzen der Gattungen *Penicillium* und *Aspergillus* besiedelt sein. Diese Pilze produzieren ein giftiges Stoffwechselprodukt: das Mykotoxin Patulin. Patulin ist hitzestabil, was bedeutet, dass es auch durch Pasteurisieren nicht zerstört wird, und es geht vollständig in den Saft über.
In höheren Konzentrationen kann Patulin gesundheitsschädlich sein. Aus diesem Grund gibt es in der EU strenge Höchstwerte für Apfelsaft und Apfelwein. Die Aussage des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) bringt es auf den Punkt: „Die Menge an Patulin in Obstprodukten kann als Maß für die Qualität der in der Produktion eingesetzten Früchte angesehen werden.“ Ein niedriger Patulinwert ist also ein direktes Zeugnis für saubere Arbeit bei der Ernte und Verarbeitung.
Glücklicherweise nehmen deutsche Keltereien diese Verantwortung sehr ernst. Eine Untersuchung des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) im Jahr 2018 zeigte, dass von 109 geprüften Apfelerzeugnissen keines den Höchstwert überschritt. Tatsächlich waren in etwa 60 % der Apfelsaftproben keine Patulingehalte nachweisbar. Das zeigt, wie wichtig die sorgfältige Selektion des Obstes ist. Jeder Apfel wird von Hand geprüft, faule Stellen werden großzügig ausgeschnitten oder der ganze Apfel wird verworfen. Diese Sorgfalt ist nicht verhandelbar und der Grundstein für ein sicheres und hochwertiges Produkt.
Checkliste für Ihre Apfelernte: So sichern Sie die Qualität
- Visuelle Prüfung: Jeden Apfel einzeln auf Druckstellen, Faulstellen und Schimmelbefall kontrollieren. Äpfel mit sichtbarer Fäulnis konsequent aussortieren.
- Geruchsprobe: Riecht ein Apfel muffig oder nach Essig? Dies ist ein klares Zeichen für fortgeschrittene Gärung oder Verderb. Nicht verwenden!
- Schnitt-Test: Bei Unsicherheit einen Apfel aufschneiden. Ist das Kerngehäuse braun oder schimmelig, auch wenn die Schale intakt aussieht, muss der Apfel entsorgt werden.
- Sauberkeit: Nur sauberes, trockenes Erntegut verwenden. Gras, Blätter und Erde haben im Mahlwerk nichts zu suchen und bringen Fremdaromen sowie Mikroorganismen ein.
- Zeitfenster beachten: Die Äpfel so schnell wie möglich nach der Ernte verarbeiten. Längere Lagerung, besonders bei Raumtemperatur, erhöht das Risiko von Fäulnis und Qualitätsverlust.
Warum ist der Vorlauf-Saft oft der wertvollste Teil der Kelterung?
Wenn die frisch gemahlene Apfelmaische in die Presse gefüllt wird, passiert etwas Magisches, noch bevor der eigentliche Pressdruck einsetzt. Allein durch das Eigengewicht der Maische beginnt bereits Saft auszutreten. Dieser erste, frei ablaufende Saft wird als Vorlauf-Saft oder „free-run juice“ bezeichnet. Für uns Kelterer ist er das flüssige Gold, das Herzstück der Ernte. Er ist qualitativ oft der hochwertigste Teil der gesamten Pressung.
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Was macht diesen Saft so besonders? Da er ohne jeglichen mechanischen Druck gewonnen wird, enthält er kaum Trub- oder Bitterstoffe, die aus den Schalen, Stielen und Kernen gelöst werden könnten. Er ist von Natur aus klarer und reiner. Vor allem aber transportiert er die feinsten und flüchtigsten Aromen des Apfels in ihrer reinsten Form. Es ist die Essenz der Frucht, unverfälscht und elegant. Die Säurestruktur ist oft moderater und harmonischer, was zu einem besonders weichen und zugänglichen Apfelwein führt.
Die Qualität des Vorlauf-Safts zeigt sich in mehreren Aspekten:
- Er wird nur durch das Eigengewicht der Maische ohne Pressdruck gewonnen.
- Er enthält die feinsten Aromen und eine moderate Säure.
- Er weist kaum Bitterstoffe aus Schalen oder Kernen auf.
- Die geringe Trubstoff-Belastung sorgt für einen reineren Gärprozess.
- Das Risiko von Gärfehlern wie Böcksern (Schwefel-Fehltöne) ist reduziert.
Manche exklusiven Keltereien füllen diesen Vorlauf-Saft sogar separat ab, um daraus ihre Premium-Cuvées oder sortenreine Spezialitäten zu keltern. Er ist zwar mengenmäßig nur ein kleiner Teil der Gesamternte, aber qualitativ repräsentiert er die absolute Spitze. Es ist ein perfektes Beispiel dafür, wie im Handwerk des Kelterns oft das Sanfteste und Behutsamste zum besten Ergebnis führt.
Wo in Deutschland gibt es noch eine lebendige Most-Kultur (Schwaben, Trier)?
Auch wenn Hessen als das unbestrittene Kernland des Apfelweins gilt, wäre es ein Fehler zu glauben, die Liebe zum gekelterten Apfel würde an unseren Landesgrenzen haltmachen. In ganz Deutschland gibt es Regionen mit einer tief verwurzelten und quicklebendigen Most-Kultur, die ihre eigenen Traditionen, Begriffe und Geschmacksvorlieben pflegen. Diese Vielfalt macht die deutsche Apfelwein-Landschaft so spannend. Die bekanntesten Gebiete neben Hessen sind das Schwabenland und die Region um Trier an der Mosel.
In Schwaben spricht man meist von „Most“, und er wird traditionell aus den Äpfeln und Birnen der weit verbreiteten Streuobstwiesen gewonnen. Der schwäbische Most ist oft etwas leichter und kann eine feinere Süße durch den Birnenanteil aufweisen. Hier gibt es zahlreiche kleine „Besenwirtschaften“, in denen Bauern ihren selbstgemachten Most saisonal ausschenken – eine unglaublich authentische Form der Regionalkultur.
Eine besonders faszinierende und eigenständige Kultur hat sich rund um Trier entwickelt. Dort heißt der Apfelwein „Viez“, ein Name, der sich vermutlich vom lateinischen „vice“ (anstelle von) ableitet, da er als Ersatz für den Wein galt. Der Viez von der Saar und der oberen Mosel ist bekannt für seine kräftige, oft kompromisslose Säure. Hier hat sich eine richtige Bewegung zur Erhaltung dieser Tradition gebildet: Der 2012 gegründete Verein „Trierer Viezbruderschaft e. V.“ widmet sich der Pflege der Streuobstwiesen und der regionalspezifischen Viezkultur. Ihr Engagement führte sogar dazu, dass die Herstellung von Viez als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde – ein starkes Zeichen für die Wertschätzung dieses regionalen Produkts.
Diese regionalen Unterschiede sind keine Konkurrenz, sondern eine Bereicherung. Ob hessischer Schoppen, schwäbischer Most oder Trierer Viez – sie alle erzählen die Geschichte ihrer Landschaft, ihrer Böden und der Menschen, die diese Tradition mit Leidenschaft am Leben erhalten. Sie sind verschiedene Dialekte derselben ehrlichen Sprache: der Sprache des Apfels.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Wahl des Apfels ist entscheidend: Nur gerbstoff- und säurereiche Mostäpfel von Streuobstwiesen, nicht süße Tafeläpfel, bilden das Rückgrat für einen charakterstarken Apfelwein.
- Säuremanagement ist eine Kunst: Die aggressive Apfelsäure wird nicht durch Zuckerzusatz, sondern durch handwerkliche Methoden wie biologischen Säureabbau und Verschnitt ausbalanciert.
- Tradition prägt den Geschmack: Vom Schutz vor Oxidation über die Wahl der Presse bis hin zur regionalen Genusskultur – jeder Schritt formt den unverwechselbaren Charakter des Endprodukts.
Bembel, Geripptes und Schoppen: Wie genießt man Apfelwein traditionell und korrekt?
Nach all der Arbeit bei der Ernte und im Keller kommt der schönste Teil: das Genießen. Und auch hier hat der Apfelwein in Hessen seine ganz eigenen Rituale und Gefäße, die Teil des Erlebnisses sind. Wer in eine traditionelle Apfelweinwirtschaft in Frankfurt und Umgebung kommt, bestellt keinen „Apfelwein“, sondern einen „Schoppen“. Das ist das klassische Maß von 0,3 Litern. Serviert wird dieser aber nicht einfach aus der Flasche, sondern aus dem Herzstück jeder Wirtschaft, dem Bembel.
Dieser dickbauchige, grau-blau bemalte Steinkrug hält den Apfelwein wunderbar kühl, ohne ihn zu verwässern. Aus dem Bembel wird der Schoppen dann in das traditionelle Trinkglas eingeschenkt: das Gerippte. Dieses Glas mit seinem typischen Rautenmuster ist nicht nur Zierde. Die Rippen verleihen dem Glas Griffigkeit, selbst wenn es von außen durch die Kälte des Getränks beschlägt. Außerdem bricht sich das Licht in den Facetten, was dem Apfelwein einen goldenen Glanz verleiht. Aus einem Gerippten getrunken, schmeckt der Apfelwein einfach richtig.

Puristen trinken ihren Apfelwein natürlich pur. Gerade im Sommer ist aber auch die „gespritzte“ Variante beliebt. Bestellt man einen „Sauergespritzten“, bekommt man seinen Apfelwein mit Mineralwasser verdünnt – eine herrlich erfrischende und leichte Variante. Der „Süßgespritzte“, gemischt mit Zitronenlimonade, ist besonders bei der jüngeren Generation oder bei Apfelwein-Einsteigern beliebt, da die Süße die Säure etwas abmildert. Egal wie man ihn trinkt, zum Apfelwein gehört eine deftige Brotzeit: Handkäs mit Musik, Grüne Soße oder eine Rippche mit Kraut. Erst diese Kombination macht das Kulturgut Apfelwein zu einem vollkommenen Genuss.
Jetzt, da Sie die Geheimnisse hinter einem guten Schoppen kennen, ist der nächste Schritt, diese Vielfalt selbst zu entdecken. Besuchen Sie eine lokale Kelterei, spazieren Sie über eine Streuobstwiese und fragen Sie den Meister nach seinem besten Apfelwein. So schmecken Sie nicht nur ein Getränk, sondern ein Stück ehrliche Handwerkskunst.
Häufige Fragen zum Thema Apfelwein
Was ist der Unterschied zwischen Bembel und Geripptem?
Der Bembel ist ein grau-blauer Steinkrug zum Ausschenken und Kühlhalten des Apfelweins. Das Gerippte ist das traditionelle Trinkglas mit Rautenmuster, das die Griffigkeit erhöht.
Was bedeutet ’sauer gespritzt‘ und ’süß gespritzt‘?
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‚Sauer gespritzt‘ ist Apfelwein mit Mineralwasser gemischt – die erfrischende Variante. ‚Süß gespritzt‘ wird mit Zitronenlimonade gemischt und ist bei Jüngeren beliebt.
Gibt es ein Reinheitsgebot für Apfelwein?
In Hessen gibt es tatsächlich ein lokales Apfelwein-Reinheitsgebot. Echter Hessischer Apfelwein darf nur aus Äpfeln, ohne Zuckerzusatz und nur mit traditionellen Verfahren hergestellt werden.