
Apfelwein in Frankfurt zu bestellen, ist mehr als nur ein Getränk zu ordern – es ist ein soziales Ritual. Der Schlüssel zum Genuss liegt darin, die ungeschriebenen Gesetze zu kennen.
- Mischen ist erlaubt, aber es gibt eine klare Hierarchie vom „Süßgespritzten“ für Anfänger bis zum „puren“ Genuss.
- Das „Gerippte“ Glas und der „Handkäs“ sind keine Folklore, sondern funktionales Handwerkszeug für den perfekten Geschmack.
Empfehlung: Beginnen Sie mit einem „Sauergespritzten“ und fragen Sie den Wirt nach seiner Empfehlung – das zeigt Respekt und Lernbereitschaft.
So, da sitzen Sie nun in einer urigen Apfelweinwirtschaft in Frankfurt-Sachsenhausen, der Lärm ist ohrenbetäubend, und Sie wollen dazugehören. Sie wollen das Nationalgetränk der Hessen probieren, das „Stöffche“. Aber Sie haben Angst, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Sie haben gehört, es gäbe Regeln, fast schon Gesetze. Und Sie haben recht. Als Wirt, der das seit Jahrzehnten beobachtet, kann ich Ihnen sagen: Apfelwein zu trinken ist kein bloßer Konsum, es ist die Teilnahme an einem kulturellen Ritual. Man trinkt ihn nicht einfach, man zelebriert ihn. Die meisten Reiseführer sagen Ihnen, was Sie bestellen sollen. Ich sage Ihnen, warum Sie es so und nicht anders tun sollten. Denn der Unterschied zwischen einem Touristen und einem Gast liegt im Verständnis.
Vergessen Sie erst einmal alles, was Sie über Wein oder Bier zu wissen glauben. Die Welt des Äppelwoi hat ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen Werkzeuge und ihre eigene Sprache. Vom Bestellen über das richtige Glas bis hin zur Speisenbegleitung – jedes Detail hat eine Funktion und eine Geschichte. Es geht nicht darum, stur Regeln zu befolgen, sondern darum, Respekt vor einer Tradition zu zeigen, die tief in der hessischen Seele verwurzelt ist. Wer das versteht, bekommt nicht nur ein Glas Apfelwein, sondern ein Stück Frankfurter Lebensgefühl serviert. Hören Sie also gut zu. Ich mache aus Ihnen in den nächsten Minuten keinen echten Frankfurter, aber zumindest einen, der nicht sofort als „Zugezogener“ entlarvt wird.
Dieser Artikel führt Sie durch die ungeschriebenen Gesetze der Apfelweinkultur. Wir klären, wann Mischen erlaubt ist und wann es als Sakrileg gilt, lüften das Geheimnis des gerippten Glases und entschlüsseln die perfekte Harmonie zwischen Stöffche und Handkäs. Machen Sie sich bereit für Ihren Crashkurs zum Apfelwein-Kenner.
Inhaltsverzeichnis: Der Weg zum Äppelwoi-Kenner
- Darf man Apfelwein mischen oder ist das ein Frevel?
- Warum hat das Apfelweinglas dieses Rautenmuster und was bringt das?
- Warum ist dieser marinierte Käse der perfekte Partner zum sauren Apfelwein?
- Ist der „Stöffche“ wirklich gut für Magen und Durchblutung?
- Wo in Deutschland gibt es noch eine lebendige Most-Kultur (Schwaben, Trier)?
- Warum trinkt man im Norden herb und im Süden hell?
- Warum gibt es manche Weine nur in einem einzigen Tal?
- Bretagne vs. Hessen: Warum prickelt Cidre mehr und hat oft weniger Alkohol?
Darf man Apfelwein mischen oder ist das ein Frevel?
Die erste und wichtigste Frage, die Sie sich stellen. Die kurze Antwort eines Frankfurter Wirts: Kommt drauf an, wer fragt. Ein echter „Schoppepetzer“ – also ein passionierter Apfelweintrinker – würde seinen Äppelwoi niemals verfälschen. Für ihn ist der reine, herbe Geschmack das einzig Wahre. Die Vorstellung, ihn mit Limonade zu mischen, ist ein Sakrileg. Aber wir Wirte sind nicht unmenschen. Wir wissen, dass der herbe Geschmack für Neulinge eine Herausforderung sein kann. Deshalb gibt es eine klare, ungeschriebene Hierarchie, eine Art Initiationsritus, den wir tolerieren und sogar fördern. Wer sich daran hält, zeigt Respekt.
Der Einstieg für absolute Anfänger ist der „Süßgespritzte“, also Apfelwein mit Zitronenlimonade. Das ist die Trainingsversion, um sich an die Säure zu gewöhnen. Wer schon einen Schritt weiter ist, bestellt einen „Sauergespritzten“ mit Mineralwasser. Das ist die akzeptierte Variante für Autofahrer oder für heiße Sommertage. Die Königsdisziplin und das Ziel jedes Lernenden ist und bleibt jedoch der pure Genuss. Erst hier entfaltet der Apfelwein seinen wahren Charakter. Wie Frankfurt Interaktiv es treffend formuliert:
Ein echter Frankfurter trinkt seinen Äbbelwoi natürlich pur und ist damit ein ‚Schoppepetzer‘. Wer als Autofahrer nicht auf sein ‚Geripptes‘ verzichten möchte, der sollte einen ‚G’spritzten‘, mit Mineralwasser verdünnt trinken.
– Frankfurt Interaktiv, Frankfurt Interaktiv – Apfelwein Traditionsbeschreibung
Moderne Keltereien experimentieren zwar mit Mischungen aus Holunder oder Quitte, aber in der traditionellen Wirtschaft ist die Reihenfolge heilig. Mit einer jährlichen Produktion von über 30,5 Millionen Litern allein in Hessen hat sich eine Kultur etabliert, die man nicht ignorieren sollte. Halten Sie sich an die Hierarchie, und Sie werden mit einem anerkennenden Nicken des Wirts belohnt.
Ihr Aktionsplan: Die Apfelwein-Mischgetränk-Hierarchie für Einsteiger
- Stufe 1 (Der Neuling): Bestellen Sie selbstbewusst einen „Süßgespritzten“ (mit Limonade), um Ihren Gaumen langsam an die Säure zu gewöhnen.
- Stufe 2 (Der Fortgeschrittene): Wechseln Sie zum „Sauergespritzten“ (mit Mineralwasser). Dies ist die am weitesten verbreitete und sozial akzeptierte Mischform.
- Stufe 3 (Der Kenner): Wagen Sie den Schritt zum „puren“ Schoppen. Bestellen Sie ihn und nehmen Sie sich Zeit, den herben, komplexen Geschmack zu analysieren.
- Stufe 4 (Der Autofahrer): Wenn Sie fahren müssen, ist der „Sauergespritzte“ die einzig stilvolle Alternative, um am Ritual teilzuhaben, ohne die Promillegrenze zu überschreiten.
- Stufe 5 (Der Respektvolle): Fragen Sie den Wirt, welchen Schoppen er empfiehlt. Das zeigt Lernbereitschaft und ist der schnellste Weg zur Anerkennung.
Warum hat das Apfelweinglas dieses Rautenmuster und was bringt das?
Wenn Ihr Apfelwein serviert wird, kommt er in einem ganz speziellen Glas: dem „Gerippten“. Dieses Glas mit seinem typischen Rautenmuster ist weit mehr als nur Dekoration. Es ist ein Stück hessisches Kulturgut und ein funktionales Meisterwerk. Viele denken, das Muster sei nur zur Zierde da, aber das ist ein Trugschluss. Das Gerippte ist das perfekte Beispiel dafür, wie in der Frankfurter Kultur Form und Funktion eine unzertrennliche Einheit bilden. Es ist das kulturelle Handwerkszeug des Schoppepetzers.
Die Rauten, oder „Rippen“, erfüllen zwei wesentliche Zwecke. Zuerst die Optik: Traditioneller Apfelwein ist oft naturtrüb. Das Rautenmuster bricht das Licht auf eine ganz besondere Weise, wodurch der Apfelwein im Glas klarer und goldener erscheint. Es ist ein simpler, aber genialer Trick, um das Getränk appetitlicher aussehen zu lassen. Sie sehen also nicht die Trübung, sondern ein funkelndes Mosaik. Die zweite Funktion ist rein praktisch und noch wichtiger: die Griffigkeit.

Früher wurde in den Apfelweinwirtschaften oft deftig und mit den Händen gegessen, zum Beispiel Rippchen oder Haxen. Die Hände waren also oft fettig. Die vergrößerte Oberfläche durch das Rautenmuster sorgt für einen sicheren Halt und verhindert, dass einem das kostbare Stöffche aus der Hand rutscht. Was im 19. Jahrhundert als billiges, industriell hergestelltes Pressglas begann, ist heute ein Symbol regionaler Identität. Das Gerippte ist also kein Schnickschnack, sondern eine intelligente Lösung für ein ganz alltägliches Problem – und ein Beweis für hessischen Pragmatismus.
Warum ist dieser marinierte Käse der perfekte Partner zum sauren Apfelwein?
Wenn Sie Apfelwein trinken, werden Sie unweigerlich auf seinen perfekten Begleiter stoßen: „Handkäs mit Musik“. Dieser kleine, runde Sauermilchkäse, mariniert in Öl, Essig, Zwiebeln und Kümmel, ist keine zufällige Beilage. Er ist das Ergebnis jahrhundertelanger sensorischer Optimierung und bildet mit dem herben Apfelwein eine fast schon heilige Allianz. Die Säure des Weins und die Komponenten des Käses gehen eine Symbiose ein, die jeden Teil besser macht. Wer nur den Käse oder nur den Wein probiert, verpasst die Hälfte des Erlebnisses.
Die „Musik“, wie die Zwiebeln humorvoll genannt werden (eine Anspielung auf die möglichen Verdauungsgeräusche danach), ist dabei nur ein Teil des Orchesters. Jeder Bestandteil hat eine genau definierte Rolle in dieser Geschmacksharmonie. Die Proteine und das Fett des Handkäs selbst mildern die Tannine und die starke Säure des Apfelweins und machen ihn weicher am Gaumen. Die scharfen, rohen Zwiebeln bieten einen Kontrapunkt zur Säure und erzeugen Spannung. Die Essig-Öl-Marinade greift die Säure des Weins auf und verbindet sich mit ihr zu einem runden Gesamtbild, anstatt mit ihr zu konkurrieren. Schließlich hilft der Kümmel nicht nur bei der Verdauung, sondern fügt auch eine erdige, würzige Note hinzu.
Schauen wir uns diese heilige Dreifaltigkeit des Geschmacks genauer an. Die folgende Tabelle zeigt, wie die einzelnen Komponenten zusammenwirken, um ein perfektes Gleichgewicht zu schaffen, das die hessische Küche auszeichnet.
| Komponente | Geschmacksbeitrag | Wirkung mit Apfelwein |
|---|---|---|
| Handkäs (Sauermilchkäse) | Proteine und Fett | Mildert die Gerbstoffe des Apfelweins |
| Zwiebeln (die ‚Musik‘) | Schärfe und Süße | Erzeugt Kontrast zur Säure |
| Kümmel | Würze und Verdauungshilfe | Traditionelles Karminativum gegen ‚Musik‘ |
| Essig-Öl-Marinade | Zusätzliche Säure | Harmoniert mit der Apfelweinsäure |
Diese Kombination ist so erfolgreich, dass sie zur Standardbegleitung in jeder Wirtschaft geworden ist. Sie ist der Beweis, dass die hessische Küche nicht einfach nur deftig ist, sondern auf einer tiefen, sensorischen Logik beruht.
Ist der „Stöffche“ wirklich gut für Magen und Durchblutung?
Dem Apfelwein werden in Hessen allerlei gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt. „Ein Schoppe am Tag hält den Doktor fern“, so lautet ein gängiger Spruch. Doch was ist dran an den Mythen um das „Stöffche“? Ist es wirklich ein Wundermittel für Magen und Kreislauf? Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo in der Mitte und hat viel mit der Geschichte und den Inhaltsstoffen des Getränks zu tun. Man muss zwischen historischer Bedeutung und modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen unterscheiden.
Historisch gesehen war Apfelwein tatsächlich ein Gesundheitselixier. Wie uns Saft-Freunde.de in Erinnerung ruft, war im Mittelalter das Trinkwasser oft mit Keimen verseucht und eine häufige Krankheitsursache. Der Gärungsprozess und der Alkohol im Apfelwein töteten viele dieser Keime ab. Apfelwein war also eine hygienische und sichere Alternative zum Wasser. Der Genuss von Apfelwein war also weniger eine Frage des Geschmacks als eine des Überlebens. Dieser historische Nutzen hat sich tief im kollektiven Gedächtnis der Region verankert.
Aus moderner Sicht sind die gesundheitlichen Vorteile etwas differenzierter zu betrachten. Apfelwein enthält Polyphenole (Antioxidantien) aus den Äpfeln, denen eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System nachgesagt wird. Die Säure kann zudem die Verdauung anregen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es sich um ein alkoholisches Getränk handelt. Mit einem moderaten Alkoholgehalt von 4,8-7,0% liegt er zwar im Bereich von Bier, aber übermäßigem Konsum sind natürlich Grenzen gesetzt. Der Mythos vom gesunden Apfelwein ist also eine Mischung aus historischer Wahrheit, traditionellem Volksglauben und echten, wenn auch moderaten, positiven Inhaltsstoffen. Der Genuss in Maßen ist der Schlüssel.
Wo in Deutschland gibt es noch eine lebendige Most-Kultur (Schwaben, Trier)?
Auch wenn die Frankfurter stolz auf ihre einzigartige Äppelwoi-Kultur sind, ist Hessen nicht die einzige Region in Deutschland, in der aus Äpfeln ein vergorenes Getränk hergestellt wird. Ein Blick über den hessischen Tellerrand zeigt eine vielfältige Landschaft von Most- und Viez-Kulturen, die jeweils ihre eigenen Traditionen, Geschmäcker und Trinkrituale haben. Diese regionalen Unterschiede zu kennen, schärft den Blick für das Besondere der hessischen Variante und fördert den Respekt vor der Vielfalt des Kulturguts Apfelwein.
Im Schwabenland (Baden-Württemberg) wird das Getränk schlicht „Most“ genannt. Oft werden hier nicht nur Äpfel, sondern auch Birnen verwendet, was dem Most eine andere Süße und Komplexität verleihen kann. Getrunken wird er traditionell nicht aus dem Gerippten, sondern aus einem Henkelkrug aus Glas oder Keramik. Weiter westlich, im Saarland und in der Region um Trier, herrscht der „Viez“. Der Name leitet sich vom lateinischen „vice vinum“ (Ersatzwein) ab und deutet schon auf seinen Charakter hin: Der Viez ist oft noch herber und saurer als der hessische Äppelwoi. Getrunken wird er traditionell aus der „Viezporz“, einem weißen Porzellanbecher. Auch in Österreich, besonders im Mostviertel, gibt es eine tief verwurzelte Mostkultur.
Diese regionalen Unterschiede in Bezeichnung, Geschmack und Trinkgefäß zeigen, wie sich aus einer gemeinsamen Idee – der Vergärung von Äpfeln – ganz eigenständige kulturelle Identitäten entwickelt haben. Die folgende Übersicht, inspiriert von Informationen des Deutschen Apfelweinmuseums, verdeutlicht die Vielfalt:
| Region | Bezeichnung | Charakteristik | Trinkgefäß |
|---|---|---|---|
| Hessen | Äppelwoi | Herb, still, oft mit Speierling | Geripptes (0,3l) |
| Schwaben | Most | Oft mit Birnen, süßer/herber | Henkelkrug aus Glas/Keramik |
| Saarland/Trier | Viez | Sehr herb (lat. ‚vice vinum‘) | Viezporz (Porzellanbecher) |
| Österreich | Most | Traditionell im Mostviertel | Mostglas |
Jede dieser Regionen hat ihre eigene Antwort auf die Frage gefunden, wie man das Beste aus dem Apfel herausholt. Der hessische Äppelwoi ist also Teil einer größeren Familie, hat aber dennoch seine unverwechselbaren Eigenheiten bewahrt.
Warum trinkt man im Norden herb und im Süden hell?
Selbst innerhalb Hessens gibt es feine, aber entscheidende Geschmacksunterschiede. Wer durch das Land reist, wird feststellen, dass der Apfelwein rund um Frankfurt oft deutlich herber schmeckt als beispielsweise im südlicher gelegenen Odenwald. Diese unsichtbare Geschmacksgrenze ist kein Zufall und auch nicht nur eine Frage unterschiedlicher Apfelsorten. Das Geheimnis liegt in einer kleinen, unscheinbaren Frucht, die dem Frankfurter Äppelwoi seinen einzigartigen Charakter verleiht: dem Speierling.
Der Speierling (Sorbus domestica) ist ein seltener Baum, dessen kleine, apfelähnliche Früchte extrem reich an Gerbstoffen (Tanninen) sind. Traditionell wird im Frankfurter Raum eine geringe Menge Saft dieser Frucht dem Apfelmost vor der Gärung zugesetzt. Dieser Zusatz hat zwei Effekte: Er wirkt als natürliches Klärmittel, das die Trubstoffe im Wein bindet und ihn klarer macht. Noch wichtiger ist aber sein Einfluss auf den Geschmack: Die Tannine des Speierlings verleihen dem Apfelwein eine ausgeprägte, trockene und herbe Note, die von Kennern so geschätzt wird. Diese Praxis ist so prägend, dass man von einer „Speierling-Grenze“ spricht, die sich durch Hessen zieht.
In anderen hessischen Regionen wie dem Odenwald oder in der Wetterau ist der Zusatz von Speierling unüblich. Dort setzt man auf den reinen Geschmack der Äpfel, was zu milderen, fruchtigeren und oft „helleren“ Geschmacksprofilen führt. Der herbe Frankfurter Äppelwoi ist also das Ergebnis einer ganz spezifischen, lokalen Tradition. Diese Einzigartigkeit wird auch offiziell anerkannt: ‚Hessischer Apfelwein‘ ist seit 2011 eine geschützte geografische Angabe (g.g.A.) der EU, was seine Herkunft und Herstellungsweise schützt. Der Speierling ist somit die geheime Zutat, die den Frankfurter Schoppen von seinen regionalen Verwandten unterscheidet.
Warum gibt es manche Weine nur in einem einzigen Tal?
Die Einzigartigkeit des hessischen Apfelweins liegt nicht nur im Speierling, sondern auch in seiner tiefen Verwurzelung in der Landschaft. Der charakteristische Geschmack ist untrennbar mit den traditionellen Streuobstwiesen verbunden. Diese Wiesen sind weit mehr als nur landwirtschaftliche Flächen; sie sind über Jahrhunderte gewachsene Biotope und das Rückgrat der gesamten Apfelweinkultur. Anders als in modernen Obstplantagen stehen hier hochstämmige Bäume verschiedenster, oft sehr alter Apfelsorten bunt gemischt.
Diese alten Sorten, wie der ‚Bohnapfel‘ oder der ‚Schafsnase‘, sind das Herz des Äppelwoi. Sie wurden nie auf einheitliche Süße oder globales Supermarkt-Design gezüchtet. Stattdessen sind sie perfekt an das lokale Klima und den Boden angepasst und oft reicher an Polyphenolen und Tanninen als moderne Tafeläpfel. Genau diese Stoffe geben dem Apfelwein seine Komplexität, seine Säure und seine herbe Struktur. Ein Apfelwein aus Supermarkt-Äpfeln würde flach und charakterlos schmecken. Wie das Deutsche Apfelweinmuseum treffend bemerkt, sind diese Sorten „über Jahrhunderte mit der lokalen Lebensweise verwachsen“.
Fallbeispiel: Die Streuobstwiese als Kulturerbe
Die Streuobstwiesen Hessens sind ein schützenswertes Biotop mit einer enormen Artenvielfalt, Heimat für unzählige Insekten, Vögel und Kleintiere. Der Erhalt dieser einzigartigen Kulturlandschaft ist direkt an den Konsum von traditionellem Apfelwein gekoppelt. Jedes Glas Äppelwoi aus lokaler Kelterei trägt dazu bei, dass es für die Bauern wirtschaftlich sinnvoll bleibt, diese alten, pflegeintensiven Bäume zu erhalten, anstatt sie durch profitable, aber ökologisch arme Monokulturen zu ersetzen. Der Apfelwein ist also nicht nur ein Getränk, sondern auch aktiver Landschaftsschutz.
Die Existenz des authentischen Apfelweins ist also an ein ganz spezifisches Ökosystem gebunden. Er schmeckt so, weil er genau dort herkommt – aus dem Zusammenspiel von alten Sorten, traditioneller Bewirtschaftung und dem lokalen Boden. Das ist der Grund, warum man den echten Geschmack nicht einfach irgendwo anders auf der Welt replizieren kann.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Misch-Hierarchie: Beginnen Sie als Neuling mit „süß“ oder „sauer“, aber das Ziel für jeden Kenner ist der pure Genuss.
- Die Funktion des Glases: Das „Gerippte“ ist kein Design-Gag, sondern verbessert durch Lichtbrechung die Optik und durch die raue Oberfläche den Halt.
- Der Unterschied zum Cidre: Hessischer Apfelwein ist komplett durchgegoren (trocken, mehr Alkohol, still), während französischer Cidre durch einen Gärstopp süß und perlend bleibt.
Bretagne vs. Hessen: Warum prickelt Cidre mehr und hat oft weniger Alkohol?
Eine häufige Verwechslung bei Reisenden ist die Gleichsetzung von hessischem Apfelwein mit französischem Cidre. Beide werden aus Äpfeln gemacht, aber geschmacklich und kulturell sind sie zwei völlig verschiedene Welten. Die Unterschiede sind nicht zufällig, sondern das Ergebnis fundamental anderer Herstellungsverfahren, die den Charakter des Endprodukts von Grund auf definieren. Wer den Unterschied versteht, hat die Essenz des Apfelweins wirklich begriffen.
Der entscheidende Unterschied liegt im Gärprozess. Hessischer Äppelwoi wird komplett durchgegoren. Das bedeutet, die Hefe wandelt den gesamten Zucker aus den Äpfeln in Alkohol um. Das Ergebnis ist ein trockenes, zuckerfreies Getränk mit einem relativ hohen Alkoholgehalt (meist 5-7%) und ohne Kohlensäure – er ist „still“. Französischer Cidre, besonders aus der Bretagne oder der Normandie, nutzt hingegen oft die „Keeving“-Methode (franz. „défécation“). Bei diesem komplexen Verfahren wird die Gärung frühzeitig gestoppt, indem der Hefe die Nährstoffe entzogen werden. Dadurch verbleibt ein erheblicher Teil des natürlichen Zuckers im Getränk, was es süß macht. Da die Gärung oft in der Flasche abgeschlossen wird, entsteht natürliche Kohlensäure. Das Ergebnis ist ein süßes, perlendes Getränk mit deutlich weniger Alkohol (oft nur 2-5%).
Diese technischen Unterschiede führen zu völlig anderen Trinkkulturen, wie ein Vergleich auf Wikipedia deutlich macht:
| Eigenschaft | Cidre (Bretagne/Normandie) | Apfelwein (Hessen) |
|---|---|---|
| Gärmethode | ‚Keeving‘ – früh gestoppt | Komplett durchgegoren |
| Restzucker | Vorhanden (süß) | Kaum vorhanden (trocken) |
| Kohlensäure | Natürlich perlend | Still |
| Alkoholgehalt | 2-5% | 5-7% |
| Apfelsorten | Tanninreiche Mostäpfel | Säurebetonte Wirtschaftsäpfel |
| Trinkgefäß | Bolée (Keramiktasse) | Geripptes (Glas) |
Apfelwein und Cidre sind also eher Cousins als Brüder. Der eine ist herb, still und ehrlich, der andere süß, spritzig und verspielt. Beides hat seine Berechtigung, aber verwechseln sollte man sie als angehender Kenner auf keinen Fall.
Häufige Fragen zum Handkäs mit Musik
Was bedeutet die ‚Musik‘ beim Handkäs mit Musik?
Die ‚Musik‘ bezieht sich humorvoll auf die Darmwinde, die durch die rohen Zwiebeln entstehen können – ein Stück hessischer Volkshumor.
Welche anderen Speisen passen zum Apfelwein?
Frankfurter Rippchen mit Kraut, Zwiebelkuchen im Herbst oder die klassische Schlachtplatte harmonieren perfekt mit der Säure des Apfelweins.
Warum wird Kümmel serviert?
Kümmel ist nicht nur Gewürz, sondern traditionell ein Verdauungshelfer, der die Wirkung der ‚Musik‘ abmildern soll.