Veröffentlicht am März 15, 2024

Entgegen der Annahme ist Craft Beer kein Bruch mit der Tradition, sondern oft eine Rückkehr zu ihren Wurzeln: Qualität und Zeit.

  • Die fruchtigen Aromen im Pale Ale stammen nicht von Zusätzen, sondern von speziellen Hopfensorten, die bei höheren Temperaturen ihre volle Pracht entfalten – alles im Einklang mit dem Reinheitsgebot.
  • Der entscheidende Unterschied liegt oft in der Reifezeit: Während Industriebier in etwa 7 Tagen fertig ist, bekommt ein Craft Beer bis zu zwei Monate Zeit, um komplexe Aromen zu entwickeln.

Empfehlung: Beginnen Sie Ihre Entdeckungsreise nicht mit einem extremen IPA, sondern mit einem deutschen Pale Ale oder einem Bockbier. So können Sie die Qualitätsunterschiede im vertrauten Terrain erkennen.

Mei, so a Feierabend-Pils, frisch gezapft, mit schöner Krone – da gibt’s doch nix Besseres, oder? Als bayerischer Braumeister, der mit dieser Tradition aufgewachsen ist, verstehe ich jeden, der die Augenbrauen hochzieht, wenn von „Craft Beer“ die Rede ist. Man hört von Bieren, die nach Mango schmecken, nach Kaffee oder gar nach Grapefruit, und fragt sich: Was soll dieser Schmarrn? Ist das überhaupt noch Bier? Man denkt an irgendwelche Modetorheiten, die mit unserem guten, ehrlichen deutschen Bier nichts mehr zu tun haben.

Aber was, wenn ich Ihnen sage, dass die meisten dieser „neuen“ Biere mehr mit unseren alten Brautraditionen zu tun haben, als Sie denken? Die Wahrheit ist: Der Unterschied zwischen einem Standard-Pils und einem aromatischen Pale Ale liegt weniger in den Zutaten selbst als vielmehr in der Art und Weise, wie der Braumeister seinen Werkzeugkasten nutzt. Beide verwenden Wasser, Malz, Hopfen und Hefe. Der eine strebt nach perfekter, gleichbleibender Erfrischung. Der andere will gezielt die verborgenen Aromen freilegen, die in denselben Zutaten schlummern.

Dieses Gerede von fruchtigen Noten ohne Früchte kann verwirrend sein. Es geht nicht um Panscherei, sondern um Braukunst. Es geht darum zu verstehen, wie eine andere Hopfensorte, eine leicht höhere Gärtemperatur oder – ganz entscheidend – mehr Zeit im Lagertank eine völlig neue Geschmacks-Landkarte eröffnen kann. Dieses Verständnis ist der Schlüssel, um die Welt jenseits des Pils nicht als Bedrohung, sondern als spannende Erweiterung unserer eigenen Bierkultur zu sehen.

In diesem Artikel nehmen wir diese Skepsis ernst. Wir klären, wie Craft Beer und das deutsche Reinheitsgebot zusammenpassen, wie Sie selbst die Unterschiede schmecken können und warum Geduld die wichtigste Zutat für ein wirklich gutes Bier ist. Wir werden gemeinsam herausfinden, warum ein Stout warm besser schmeckt und welches Bier Ihren Sonntagsbraten besser begleitet als jeder Rotwein.

Ist Craft Beer mit dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 vereinbar?

Die größte Sorge eines jeden traditionsbewussten Biertrinkers in Deutschland ist schnell formuliert: Ist dieses neumodische Zeug überhaupt nach dem Reinheitsgebot gebraut? Die Antwort darauf ist ein klares und vielleicht überraschendes „Ja, in den allermeisten Fällen“. Die Vorstellung, dass Craft-Brauer willkürlich Zutaten mischen, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Tatsächlich geht es den meisten von ihnen darum, die Vielfalt *innerhalb* der erlaubten Grenzen auszuloten.

Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Eine Erhebung des Deutschen Brauer-Bundes zeigt, dass fast 98 % der deutschen Craft Biere dem Reinheitsgebot entsprechen. Die enorme Geschmacksvielfalt, von Zitrusnoten in einem IPA bis zu Schokoladenaromen in einem Stout, wird also nicht durch künstliche Zusätze erreicht. Sie ist das Ergebnis der kreativen Auswahl und Kombination von hunderten verschiedenen Malz- und Hopfensorten, die der Markt heute bietet, sowie unterschiedlicher Hefestämme und Brauverfahren.

Aber was ist mit den wenigen Bieren, die beispielsweise mit Kirschen oder Gewürzen gebraut werden? Auch hier findet kein Gesetzesbruch statt. Die bindende Rechtsgrundlage ist heute nicht mehr das historische Gebot von 1516, sondern das „Vorläufige Biersteuergesetz“. Dieses Gesetz sieht in Paragraph 9 Ausnahmen für „besondere Biere“ vor. Ein Brauer kann einen Antrag stellen, um beispielsweise ein traditionelles belgisches Kirschbier (Kriek) zu brauen. Diese Anträge werden in der Regel genehmigt, solange die Qualität und der Charakter des Bieres im Vordergrund stehen. Es ist also ein regulierter, transparenter Prozess und keine wilde Brauerei im Hinterhof.

Die wahre Kunst besteht darin, die Grenzen des Reinheitsgebots nicht zu brechen, sondern sie zu erweitern. Es ist ein Beweis für das handwerkliche Können, nur mit den vier klassischen Zutaten eine Aromenvielfalt zu erzeugen, die man so nicht für möglich gehalten hätte.

Wie organisiere ich ein Bier-Tasting für Freunde ohne Sommelier-Ausbildung?

Ein Bier-Tasting zu Hause zu veranstalten, klingt für viele nach einer komplizierten Wissenschaft. Man denkt an Sommeliers, die von „tertiären Aromen“ und „phenolischen Noten“ sprechen. Aber ganz ehrlich: Vergessen Sie den Dünkel. Ein Tasting unter Freunden soll vor allem eines: Spaß machen und den eigenen Horizont erweitern. Mit ein paar einfachen Regeln kann jeder eine spannende Verkostung auf die Beine stellen, die mehr offenbart als tausend Worte.

Der Schlüssel liegt in der richtigen Vorbereitung und Reihenfolge. Niemand erwartet eine professionelle Analyse, es geht um das bewusste Wahrnehmen. Die folgende Illustration zeigt eine typische Anordnung für ein Tasting: verschiedene Gläser, um die Biere optimal zur Geltung zu bringen, und kleine Snacks zur Neutralisierung des Gaumens.

Professionelle Bierverkostung Vorbereitung mit verschiedenen Gläsern und Verkostungsbogen

Wie Sie auf dem Bild sehen, ist die richtige Ausrüstung die halbe Miete. Aber keine Sorge, normale Weingläser tun es für den Anfang auch. Wichtig ist vor allem der Prozess, der sich auf drei einfache Schritte herunterbrechen lässt: Sehen, Riechen, Schmecken. Diese Reihenfolge hilft, die Sinne zu schärfen und das Bier schrittweise zu entdecken, bevor der erste Schluck alle Eindrücke überlagert.

Ihr Plan für ein gelungenes Bier-Tasting zu Hause

  1. Die richtige Reihenfolge: Beginnen Sie mit dem Bier mit dem niedrigsten Alkoholgehalt und der hellsten Farbe (z. B. Helles, Pils) und arbeiten Sie sich zu den dunkleren und stärkeren Bieren vor (z. B. IPA, Bockbier, Stout). So überfordern Sie den Gaumen nicht.
  2. Schritt 1 – Sehen: Schenken Sie eine kleine Menge (ca. 0,1l) ein. Betrachten Sie die Farbe gegen das Licht. Ist es klar oder trüb? Wie ist der Schaum – feinporig oder grob?
  3. Schritt 2 – Riechen: Schwenken Sie das Glas sanft, um die Aromen freizusetzen. Halten Sie die Nase tief ins Glas. Was riechen Sie? Frucht? Getreide? Karamell? Versuchen Sie, die Eindrücke zu benennen, auch wenn sie banal klingen („riecht wie die Keksdose von Oma“).
  4. Schritt 3 – Schmecken: Nehmen Sie einen kleinen Schluck und lassen Sie ihn im Mund kreisen. Ist es süß, bitter, sauer? Spüren Sie ein Prickeln? Wie fühlt es sich an – wässrig oder cremig? Achten Sie auch auf den Nachgeschmack (Abgang).
  5. Neutralisieren: Zwischen den Bieren ist es entscheidend, die Geschmacksknospen zurückzusetzen. Trinken Sie einen Schluck stilles Wasser und essen Sie ein Stück Baguette oder einen neutralen Cracker.

Warum ein Stout bei 7 Grad seinen Geschmack verliert und wie Sie das vermeiden

Wir Deutschen lieben unser Bier kalt. Richtig kalt. Am besten direkt aus dem Kühlschrank, die Flasche beschlagen. Für ein Pils oder ein Helles ist das auch goldrichtig, denn die Kälte unterstreicht die erfrischende, spritzige und hopfenbetonte Note. Doch wenden wir diese Gewohnheit auf alle Bierstile an, begehen wir einen fatalen Geschmacksfehler. Ein komplexes, dunkles Bier wie ein Stout bei 7 Grad zu servieren, ist, als würde man einem Orchester den Dirigenten wegnehmen. Es entsteht nur Lärm, keine Melodie.

Kälte ist der natürliche Feind komplexer Aromen. Sie betäubt die Geschmacksknospen und verhindert, dass sich die flüchtigen Aromastoffe aus dem Bier lösen können. Ein eiskaltes Stout schmeckt deshalb oft nur noch nach zwei Dingen: Kälte und Alkohol. Die wunderbaren Noten von Röstmalz, Kaffee, dunkler Schokolade oder Lakritz bleiben im Bier gefangen. Wie die Experten der Wacken Brauerei es treffend formulieren: Bei 4°C schmeckt man von einem Imperial Stout nur Kälte und Alkohol, mehr nicht. Erst wenn sich das Bier langsam erwärmt, „öffnet“ es sich und gibt seine ganze Aromenvielfalt preis.

Jeder Bierstil hat eine ideale „Wohlfühltemperatur“, bei der er sein volles Potenzial entfaltet. Als Faustregel gilt: Je heller und leichter das Bier, desto kälter darf es sein. Je dunkler, komplexer und alkoholstärker, desto wärmer sollte es serviert werden.

Die folgende Tabelle gibt Ihnen einen praktischen Überblick über die optimalen Trinktemperaturen für gängige deutsche und internationale Bierstile.

Optimale Trinktemperaturen für verschiedene Bierstile
Bierstil Optimale Temperatur Aromaprofil bei richtiger Temperatur
Pils/Helles 6-8°C Frisch, hopfenbetont, spritzig
Weizenbier 6-9°C Fruchtig (Banane), würzig (Nelke)
IPA/Pale Ale 8-12°C Hopfenaromen voll entfaltet, Zitrus/Tropenfrüchte
Stout/Porter 12-15°C Röst-, Kaffee-, Schokoladennoten ausgeglichen
Bockbier 10-13°C Malzig-süß, karamellig, vollmundig

Lichtgeschmack und Oxidation: Wie Sie verdorbenes Bier im Restaurant sofort erkennen

Nichts ist enttäuschender, als sich auf ein kühles Bier zu freuen und dann einen Schluck zu nehmen, der einfach nur… falsch schmeckt. Oft schiebt man es auf den eigenen Geschmack, aber häufiger ist das Bier schlicht verdorben. Schlechte Lagerung oder Hygienemängel können ein gutes Bier ruinieren. Als kundiger Biertrinker ist es wichtig, die häufigsten Fehlgeschmäcker zu kennen, um verdorbenes Bier im Restaurant oder in der Bar höflich, aber bestimmt zurückgehen lassen zu können.

Die zwei größten Feinde eines jeden Bieres sind Licht und Sauerstoff. Besonders tückisch ist der sogenannte Lichtgeschmack. Dieser entsteht, wenn Bier UV-Licht ausgesetzt wird. Die UV-Strahlen reagieren mit bestimmten Hopfenverbindungen und erzeugen eine schwefelhaltige Substanz, die chemisch der Abwehrflüssigkeit eines Stinktiers ähnelt. Aus diesem Grund werden Bierflaschen traditionell aus braunem Glas hergestellt, das den besten UV-Schutz bietet. Grüne und klare Flaschen sind deutlich anfälliger, wie die folgende Abbildung verdeutlicht.

Vergleich brauner und grüner Bierflaschen unter Sonnenlicht zeigt UV-Schutz

Ein weiterer häufiger Fehler ist die Oxidation. Wenn Bier mit zu viel Sauerstoff in Kontakt kommt, schmeckt es alt, fade und entwickelt ein unangenehmes Aroma, das an nasse Pappe oder alten Sherry erinnert. Dies passiert oft bei schlecht gewarteten Zapfanlagen oder bei Flaschen, deren Kronkorken nicht mehr perfekt schließt. Es gibt jedoch noch weitere untrügliche Zeichen für ein schlechtes Bier, die Sie kennen sollten.

  • Lichtgeschmack: Das Bier riecht und schmeckt „skunky“ (stinktierartig) oder nach gekochtem Kohl. Ein untrügliches Zeichen, dass eine grüne oder klare Flasche zu lange im Licht stand.
  • Oxidation: Ein pappiger, brotiger oder sherry-artiger Geschmack, der das Bier schal und leblos wirken lässt.
  • Diacetyl: Ein dominanter Geschmack nach Butter oder Butterscotch-Bonbons. In kleinen Mengen in einigen Ales akzeptabel, aber wenn er überwiegt, ist es ein Fehler, der die Hopfenbitterkeit überdeckt.
  • Phenolisch: Ein medizinischer, rauchiger oder an Pflaster erinnernder Geruch. Dies deutet meist auf eine Verunreinigung durch wilde Hefen oder Bakterien hin.
  • Essigsäure: Ein stechender, saurer Geruch und Geschmack nach Essig. Ein klares Indiz für eine bakterielle Infektion, die das Bier ungenießbar macht.

Welches Bier passt besser zu deftigem Braten als jeder Rotwein?

Zum Sonntagsbraten gehört ein guter Rotwein. Diese Regel ist in den Köpfen vieler so fest verankert wie das Amen in der Kirche. Und ja, ein kräftiger Rotwein kann einen Schweine- oder Rinderbraten wunderbar begleiten. Doch ich behaupte: Ein dunkles, malzbetontes Bier kann das oft noch besser. Bier und deftige Speisen sind eine Verbindung, die in der deutschen Küche tief verwurzelt ist und eine Harmonie erzeugt, die Wein nur selten erreicht.

Das Geheimnis liegt in einem chemischen Prozess, den wir alle lieben: die Maillard-Reaktion. Das ist die Bräunungsreaktion, die sowohl der Kruste unseres Bratens als auch dem Malz im dunklen Bier seine köstlichen Röstaromen verleiht. Wenn diese beiden Aromenwelten aufeinandertreffen, ergänzen sie sich nicht nur, sie potenzieren sich gegenseitig. Markus Raupach von der Deutschen BierAkademie bringt es auf den Punkt:

Die Röstaromen (Maillard-Reaktion) im Braten und im dunklen Malz ergänzen sich perfekt, während die Kohlensäure und der leichte Hopfenbitter des Bieres das Fett durchschneiden und den Gaumen reinigen.

– Markus Raupach, Deutsche BierAkademie

Genau hier liegt der entscheidende Vorteil des Bieres: die Kohlensäure. Sie wirkt wie ein Besen für den Gaumen. Während ein schwerer Rotwein den Mund manchmal noch öliger und belegter wirken lässt, schneidet die feine Perlage des Bieres durch das Fett, erfrischt die Geschmacksknospen und macht Lust auf den nächsten Bissen. Das Gericht wirkt dadurch insgesamt leichter und bekömmlicher.

Die Auswahl des richtigen Bieres hängt natürlich vom Braten ab. Ein malzig-süßer Doppelbock kann die Säure eines Sauerbratens perfekt ausbalancieren, während ein komplexer Weizenbock die würzigen Noten eines Wildgulaschs aufgreift. Die folgende Tabelle bietet einige bewährte Kombinationen aus der bayerischen und deutschen Küche.

Deutsche Bier-Food-Pairings für klassische Bratengerichte
Deutscher Braten Empfohlenes Bier Harmonie-Prinzip
Schweinebraten mit Kruste Aecht Schlenkerla Rauchbier Raucharoma ergänzt Krustenröstung
Sauerbraten Paulaner Salvator Doppelbock Malzsüße balanciert Säure
Wildgulasch Schneider Aventinus Weizenbock Komplexität trifft Wildwürze
Rinderbraten Andechser Dunkles Röstmalz harmoniert mit Bratenkruste
Entenbraten Ayinger Celebrator Doppelbock Süße kontrastiert Fett

Warum steht auf manchen Importbieren Mais oder Reis auf der Zutatenliste?

Wer aufmerksam die Zutatenliste von internationalen Bieren liest, stolpert immer wieder über Begriffe wie Mais, Reis oder Glukosesirup. Für einen deutschen Biertrinker, der mit der reinen Lehre von Wasser, Malz und Hopfen aufgewachsen ist, wirkt das schnell wie eine billige Panscherei. Die Annahme liegt nahe: Hier wird am teuren Gerstenmalz gespart, um das Bier günstiger produzieren zu können. Das ist zwar ein Teil der Wahrheit, aber bei weitem nicht die ganze Geschichte.

Der Einsatz dieser sogenannten „Adjuncts“ (unvermälztes Getreide) ist oft eine bewusste technologische Entscheidung, um ein bestimmtes Geschmacksprofil zu erreichen. Insbesondere in wärmeren Klimazonen werden Biere bevorzugt, die besonders leicht, trocken und erfrischend sind. Gerstenmalz allein erzeugt einen vollen, „brotigen“ Körper. Um diesen zu verschlanken, fügen Brauer Getreidesorten wie Reis oder Mais hinzu. Diese enthalten zwar vergärbaren Zucker, aber kaum Proteine oder andere Stoffe, die zum Körper des Bieres beitragen. Das Ergebnis ist ein schlankeres, trockeneres und oft als erfrischender empfundenes Bier – perfekt für ein heißes Klima in Mexiko oder Asien.

Die Brauphilosophie unterscheidet sich hier fundamental von der deutschen Tradition:

  • Deutsche Tradition: Die Vollmalz-Philosophie zielt auf einen satten, malzigen Geschmack ab, der an Brot und Getreide erinnert. Das Bier soll nahrhaft und vollmundig sein.
  • Amerikanische Light Lager: Hier wird oft Mais verwendet, um einen extrem leichten, trockenen Körper zu erzeugen und jegliche Restsüße zu vermeiden.
  • Asiatische Lager: Reis ist hier die Zutat der Wahl, um maximale Erfrischung und einen sehr „crispen“, sauberen Geschmack zu erzielen.
  • Craft Beer Innovation: Auch Craft-Brauer nutzen Adjuncts, aber oft aus anderen Gründen. Haferflocken in einem „Hazy IPA“ sorgen beispielsweise für ein cremiges, weiches Mundgefühl.

Während bei vielen internationalen Industriebieren die Kostenersparnis sicherlich eine Rolle spielt, da Rohstoffe wie Reis und Mais als Ersatz für teureres Malz dienen, ist die pauschale Verurteilung von Adjuncts nicht immer fair. Sie sind ein Werkzeug im Kasten des Brauers, das je nach gewünschtem Ergebnis eingesetzt wird – sei es für maximale Erfrischung oder ein besonderes Mundgefühl.

Welche deutschen Marken sind im Ausland berühmt und warum oft andere als hier?

Fragt man in den USA, in Italien oder in China nach deutschem Bier, bekommt man oft andere Namen zu hören als an einem bayerischen Stammtisch. Während hierzulande vielleicht Augustiner, Tegernseer oder Jever als Inbegriff deutscher Braukunst gelten, sind es im Ausland oft Marken wie Beck’s, Krombacher oder vor allem Weihenstephan, die für „German Beer“ stehen. Woran liegt das? Es ist eine Mischung aus cleverer Exportstrategie, Produktionskapazität und dem weltweiten Ruf deutscher Ingenieurskunst.

Zunächst einmal sind die schieren Zahlen beeindruckend. „Made in Germany“ ist bei Bier ein riesiges Geschäft. Wie aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, hatte der deutsche Bierexport 2023 einen Wert von 1,24 Milliarden Euro, mit Lieferungen in über 160 Länder. Allein unser größter Abnehmer, Italien, importierte Biere im Wert von 345.300 Tonnen. Um solche Mengen zu bewältigen, braucht es Brauereien mit enormen Kapazitäten und einer ausgefeilten Logistik – ein Feld, auf dem die großen nationalen Marken den kleineren, regionalen Brauereien naturgemäß überlegen sind.

Doch es geht nicht nur um Masse. Der exzellente Ruf deutschen Bieres im Ausland speist sich nicht nur aus dem Reinheitsgebot, sondern vor allem aus der Qualität unserer Ausbildung und Technologie. Der Name „Weihenstephan“ ist dafür das beste Beispiel. Während die Brauerei hier als älteste der Welt bekannt ist, ist sie im Ausland vor allem ein Synonym für die renommierte Brauer-Ausbildung an der Technischen Universität München in Weihenstephan. Internationale Braumeister, die dort studiert haben, sind die besten Botschafter für diese Marke.

Das deutsche Know-how ist ein Exportschlager für sich. An unseren Universitäten und Fachhochschulen wird nicht nur der Braumeisternachwuchs aus aller Welt ausgebildet, sondern auch Forschung auf höchstem Niveau betrieben. Deutsche Unternehmen aus der Zulieferindustrie – von der Abfüllanlage bis zum Gärtank – sind in Brauereien auf allen Kontinenten gefragt. Der gute Ruf dieser Technologie und Ausbildung strahlt direkt auf die Biermarken ab, die als Inbegriff dieser Qualität gelten. So wird „deutsches Bier“ im Ausland oft mit technischer Perfektion, Zuverlässigkeit und wissenschaftlicher Fundierung gleichgesetzt – Attribute, die von den großen, international agierenden Marken verkörpert werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Treue zur Tradition: Entgegen der landläufigen Meinung werden fast alle deutschen Craft Biere (98 %) streng nach dem Reinheitsgebot gebraut. Die Vielfalt entsteht durch kreative Hopfen- und Malzwahl.
  • Temperatur ist entscheidend: Die Aromen eines Bieres sind temperaturabhängig. Dunkle und komplexe Biere wie Stouts oder Bockbiere sollten wärmer (ca. 12-15°C) getrunken werden, um ihr volles Profil zu entfalten.
  • Zeit als Zutat: Der größte Qualitätsunterschied liegt in der Reifezeit. Während Industriebiere oft in 7-14 Tagen fertig sind, reifen Craft Biere bis zu 8 Wochen, um komplexe Aromen zu entwickeln.

Industriebier vs. Handwerkskunst: Schmecken Sie den Unterschied von 4 Wochen Reifezeit?

Wir haben über Zutaten, Temperaturen und Traditionen gesprochen. Doch der vielleicht fundamentalste und am meisten unterschätzte Unterschied zwischen einem typischen Industriebier und einem handwerklich gebrauten Bier ist eine Zutat, die auf keiner Liste steht: Zeit. Die Dauer, die ein Bier für die Gärung und vor allem für die anschließende Lagerung bekommt, hat einen immensen Einfluss auf seinen Geschmack, seine Stabilität und seine „Trinkbarkeit“.

Im industriellen Prozess ist Zeit Geld. Jeder Tag, den ein Tank belegt ist, kostet. Daher ist der Prozess auf maximale Effizienz getrimmt. Die Gärung wird oft bei wärmeren Temperaturen beschleunigt und dauert selten länger als eine Woche. Die anschließende Lagerung, in der das Bier reifen und sich klären soll, wird auf ein Minimum von ein bis zwei Wochen reduziert. Im Gegensatz dazu geben Craft-Brauer ihrem Bier bewusst mehr Zeit. Wie internationale Brauexperten bestätigen, kann die Fermentation bei Craft Beer bis zu zwei Monate dauern, im Vergleich zu nur sieben Tagen bei manchen Industriebieren. Diese zusätzliche Zeit ist keine Verschwendung, sondern eine Investition in Qualität.

Während der langen, kalten Lagerung (dem sogenannten „Lagering“) passieren entscheidende Dinge. Unangenehme Gärungsnebenprodukte wie Schwefelverbindungen oder Diacetyl (butterartige Noten) werden von der Hefe abgebaut. Das Bier wird „runder“, harmonischer und klarer. Die Kohlensäure bindet sich feiner ein, was zu einem angenehmeren Mundgefühl führt. Kurz gesagt: Das Bier reift, ähnlich wie ein guter Wein oder Käse. Diese Unterschiede im Produktionsprozess sind signifikant, wie die folgende Gegenüberstellung zeigt.

Produktionsprozess: Craft Beer vs. Industriebier
Parameter Craft Beer Industriebier
Gärtemperatur 16-26°C (obergärig) 9-14°C (untergärig)
Gärdauer Bis zu 8 Wochen 7-14 Tage
Lagerzeit 4-8 Wochen 1-2 Wochen
Filtration Oft ungefiltert Immer gefiltert
Pasteurisierung Meist keine Standard

Am Ende des Tages gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Es gibt gut gemachte, erfrischende Industriebiere und es gibt schlecht gemachte Craft Biere. Aber wenn Sie das nächste Mal ein Bier probieren, das Sie überrascht, das komplexer und runder schmeckt als gewohnt, dann denken Sie daran: Sie schmecken nicht nur Hopfen und Malz, Sie schmecken vor allem die Zeit, die der Braumeister seinem Produkt geschenkt hat. Probieren geht über Studieren. Gehen Sie in einen gut sortierten Getränkemarkt oder eine Craft-Beer-Bar, lassen Sie sich beraten und starten Sie Ihre eigene Entdeckungsreise. Prost!

Geschrieben von Thomas Huber, Diplom-Braumeister und Biersommelier aus Bayern mit 20 Jahren Erfahrung in Großbrauereien und der Craft-Beer-Szene. Experte für Brautechnologie, Hopfenaromatik und Schankanlagen.