Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung wird der entscheidende Geschmack eines Whiskys nicht im Fass geboren, sondern bereits im Getreidekorn angelegt und durch den Brennprozess geformt.

  • Die Art des Getreides (z. B. Gerste, Roggen) legt die grundlegende Geschmacks-DNA fest – von malzig-süß bis würzig-trocken.
  • Die Verarbeitung des Getreides, insbesondere das Mälzen und Darren, erzeugt durch chemische Reaktionen die entscheidenden Aromen-Bausteine wie Nuss, Karamell oder Rauch.

Empfehlung: Achten Sie beim nächsten Whisky-Kauf bewusst auf die Getreideart auf dem Etikett. Sie ist der wichtigste Hinweis auf den Grundcharakter des Destillats, noch vor dem Alter oder der Fassart.

Sie stehen vor einem Regal voller Whiskys und fragen sich, warum ein Bourbon aus Amerika so anders schmeckt als ein schottischer Single Malt? Die häufigste Antwort, die Sie hören werden, lautet: „Es liegt am Fass.“ Und obwohl die Fassreifung ohne Zweifel einen enormen Einfluss hat – wir werden darauf zurückkommen –, ist sie nur die halbe Wahrheit. Viele übersehen dabei den fundamental wichtigsten Faktor, die eigentliche Seele des Whiskys: das Getreide. Die Wahl zwischen Gerste, Roggen, Weizen oder Mais ist keine Nebensächlichkeit, sie ist die erste und entscheidende Weichenstellung für den späteren Charakter im Glas.

Als Destillateur ist es meine tägliche Aufgabe, das Potenzial, das in jedem einzelnen Korn steckt, freizulegen. Oft werden Faktoren wie das Wasser oder die Form der Brennblase diskutiert, doch die wahre Magie beginnt bei der Umwandlung von Stärke in Zucker und den dabei entstehenden Aromen. Die Vorstellung, der Geschmack entstünde hauptsächlich durch jahrelange Lagerung, ist ein weit verbreiteter Mythos. In Wahrheit ist die Fassreifung eher eine Veredelung. Ein großartiges Destillat wird im Fass noch besser, aber ein mittelmäßiges Destillat wird auch nach 12 Jahren nicht zu einem herausragenden Whisky.

Doch was, wenn ich Ihnen sage, dass die eigentliche Kunst darin besteht, die chemischen Hebel schon lange vor der Fasslagerung zu bedienen? Wenn die wahre Komplexität nicht nur aus dem Holz, sondern aus der Maillard-Reaktion beim Darren, der Wahl der Hefe bei der Gärung und der präzisen Abtrennung beim Brennen stammt? Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise direkt in die Brennerei. Wir folgen dem Weg des Korns von der Ernte bis zum frischen Destillat und entschlüsseln, wie jede Getreidesorte ihre einzigartige Geschmacks-DNA in die Flasche bringt. Sie werden lernen, die Sprache des Getreides im Whisky zu verstehen und Aromen nicht mehr nur dem Fass, sondern ihrer wahren Quelle zuzuordnen.

Um zu verstehen, wie aus einem einfachen Korn ein komplexes Aromenprofil entsteht, werden wir den Prozess Schritt für Schritt beleuchten. Von den grundlegenden Eigenschaften der Getreidesorten über den Einfluss der Herkunft bis hin zu den chemischen Wundern während der Herstellung – dieser Leitfaden zeigt Ihnen, worauf es wirklich ankommt.

Warum schmeckt manche Gerste rauchig und andere süßlich nussig?

Die Gerste ist die Königin unter den Whiskygetreiden, insbesondere für Single Malt Scotch. Doch Gerste ist nicht gleich Gerste. Ihr Geschmacksprofil wird maßgeblich im ersten Schritt der Verarbeitung geprägt: dem Mälzen. Hier wird das Korn zum Keimen gebracht, um Enzyme zu aktivieren, die später die Stärke in Zucker umwandeln. Der entscheidende Moment für das Aroma ist jedoch das Trocknen des gekeimten Getreides, das sogenannte Darren. Die Temperatur und die Art des Feuers bestimmen hier die grundlegende Geschmacksrichtung.

Ein süßlich-nussiger oder an Biskuit erinnernder Charakter entsteht durch das Trocknen mit heißer Luft. Hier finden chemische Reaktionen statt, die an das Backen von Brot erinnern. Wird die Gerste jedoch – wie in der schottischen Tradition, vor allem auf der Insel Islay – über einem Torffeuer gedarrt, lagern sich rauchige Verbindungen, die Phenole, auf der Kornoberfläche ab. Je länger und intensiver dieser Kontakt, desto rauchiger wird der spätere Whisky. Moderne Hochleistungssorten sind zwar auf Effizienz getrimmt – mit neuen Hochleistungssorten kann heute eine Ausbeute von bis zu 500 Litern Alkohol pro Tonne erreicht werden –, doch für den Charakter sind oft ältere, aromatischere Sorten entscheidend.

Das folgende Bild zeigt, wie unterschiedlich Malz je nach Darrtemperatur aussehen kann, was sich direkt auf den Geschmack auswirkt.

Verschiedene Malzsorten zeigen ein Farbspektrum von hellgelb über bernstein bis hin zu fast schwarzem Röstmalz

Wie Sie sehen, reicht die Palette von hellem Pilsner Malz für süßliche Noten bis hin zu dunklem Röstmalz für Kaffee- und Schokoladenaromen. Die bayerische Slyrs Destillerie zeigt eindrucksvoll, wie dieser Prozess in Deutschland umgesetzt wird: Sie verwendet seit 1999 ausschließlich lokale bayerische Gerste und spezielle Brennblasen, um einen unverwechselbaren, nicht-rauchigen Single Malt Charakter zu erzeugen, der stark vom Korn geprägt ist.

Roggen-Schärfe vs. Weizen-Weichheit: Welches Getreide passt zu Ihrem Gaumen?

Während Gerste die Welt der Single Malts dominiert, bringen andere Getreidesorten eine faszinierende Vielfalt in die Whisky-Welt. Die bekanntesten Alternativen sind Roggen, Weizen und Mais, die jeweils eine völlig andere Geschmacks-DNA mitbringen. Ihre Wahl ist die direkteste Entscheidung für einen bestimmten Stil, die ein Brenner treffen kann.

Der Roggen, die Grundlage für amerikanischen Rye Whiskey, ist bekannt für sein würziges, fast pfeffriges Profil. Er verleiht dem Destillat eine trockene und oft auch fruchtige Note, die an dunkles Brot erinnert. Wie Experten von WhiskyTasters betonen: „Der Roggen bringt eine gewisse Würze und weiche, trockene Note mit sich.“ Im Gegensatz dazu steht der Weizen. Er wird oft in Blended Whiskys oder speziellen „Wheated Bourbons“ verwendet und sorgt für ein außergewöhnlich weiches, sanftes Mundgefühl. Seine Aromen sind subtiler und erinnern an Honig, Vanille und frisch gebackenes Weißbrot. Der Mais wiederum ist das Herz des Bourbons, der gesetzlich mindestens 51 % Mais enthalten muss. Mais liefert eine ausgeprägte Süße, die oft als erdig, buttrig oder an Popcorn erinnernd beschrieben wird.

Diese grundlegenden Unterschiede zu kennen, ist der Schlüssel, um Whiskys geschmacklich einordnen zu können. Die folgende Tabelle fasst die typischen Profile zusammen und hilft Ihnen bei der Orientierung.

Geschmacksprofile verschiedener Getreidesorten im Whisky
Getreidesorte Geschmacksprofil Typische Verwendung
Gerste Malzig, süß, komplex Single Malt (100%)
Roggen Würzig, trocken, weich Rye Whisky (min. 51%)
Weizen Zart, honigartige Süße, rund Grain Whisky, Blends
Mais Erdig, leicht süß, würzig Bourbon (min. 51%)

Letztendlich ist die Wahl eine Frage der persönlichen Vorliebe. Bevorzugen Sie die kräftige Würze eines Rye, die sanfte Milde eines Wheated Bourbon oder die komplexe Malzigkeit eines Single Malt? Indem Sie auf die Getreidezusammensetzung achten, können Sie gezielt nach dem Whisky suchen, der Ihrem Gaumen am meisten zusagt.

Macht bayerische Gerste einen anderen Whisky als schottische?

Die Frage nach dem „Terroir“ – also dem Einfluss von Boden, Klima und Ort auf das Endprodukt – wird im Weinbau seit Jahrhunderten diskutiert. Im Whiskybereich ist dieser Gedanke neuer, aber gerade in Deutschland gewinnt er rasant an Bedeutung. Macht es also einen Unterschied, ob die Gerste auf den kargen Böden Schottlands oder in den fruchtbaren Ebenen Bayerns wächst? Als Destillateur sage ich: Ja, absolut.

Jede Region hat ihre eigenen Gerstensorten, die über Generationen an das lokale Klima angepasst wurden. Diese Sorten unterscheiden sich in ihrem Protein- und Stärkegehalt, was sich direkt auf die Gärung und die Aromenbildung auswirkt. Deutsche Craft-Brennereien wie St. Kilian treiben diesen Gedanken auf die Spitze, indem sie auf die „Single Farm“-Bewegung setzen. Sie beziehen ihr Getreide gezielt von einem einzigen Bauernhof, um ein einzigartiges, rückverfolgbares und vom Terroir geprägtes Geschmacksprofil zu schaffen. Dies zeigt, dass der Whisky nicht nur ein Produkt der Destillation, sondern auch der Landwirtschaft ist.

Weites, goldenes Gerstenfeld in der deutschen Landschaft mit einem Fachwerkhaus im Hintergrund

Diese Fokussierung auf die Herkunft wird durch die unglaubliche Vielfalt deutscher Malzsorten weiter verstärkt. Während viele schottische Brennereien auf standardisierte Malze zurückgreifen, haben deutsche Destillateure Zugriff auf eine riesige Palette. Allein die Mälzerei Weyermann in Bamberg bietet über 90 verschiedene Malzsorten an, von Karamellmalz über Röstmalz bis hin zu seltenen historischen Sorten. Diese Vielfalt erlaubt es uns Brennern, den Charakter des Whiskys mit einer Präzision zu steuern, die in der traditionellen schottischen Produktion oft nicht möglich ist. Bayerische Gerste, verarbeitet zu einem speziellen Malz, ergibt also definitiv einen anderen Whisky als eine Standard-Gerste aus Schottland.

Warum ein 3-jähriger Korn-Brand komplexer sein kann als ein 12-jähriger Blend

In der Whisky-Welt herrscht oft die einfache Gleichung: älter = besser. Ein hohes Alter auf dem Etikett suggeriert Qualität und Komplexität. Doch diese Annahme ist ein Trugschluss, der die Bedeutung des ursprünglichen Destillats ignoriert. Ein exzellent gebrannter, junger Brand aus hochwertigem Getreide kann weitaus mehr Charakter und Tiefe besitzen als ein 12 Jahre alter Blend, der aus mittelmäßigen Destillaten gemischt und durch das Fass „gerettet“ wurde.

Hier kommt der deutsche Korn ins Spiel. Traditionell als einfache Spirituose belächelt, wird Korn von modernen Craft-Herstellern wie Nork oder Eversbusch heute als Edelspirituose neu interpretiert. Der Schlüssel liegt in der Konzentration auf den Destillat-Charakter. Statt den Geschmack primär aus dem Fass zu ziehen, wird er aus dem Korn selbst extrahiert. Durch die Verwendung von sortenreinem Getreide und moderner, präziser Destillationstechnik, die oft Elemente aus der Obstbrennerei übernimmt, wird ein Maximum an Aromen aus dem Rohstoff gewonnen. Die deutsche Verfahrenstechnik macht einen enormen Unterschied aus, denn sie ermöglicht eine viel genauere Steuerung der Aromenextraktion. Es wird geschätzt, dass das Brennverfahren mindestens 25 % des gesamten Geschmackserlebnisses ausmacht.

Gesetzlich muss Whisky in Deutschland zwar mindestens drei Jahre im Holzfass reifen, doch das bedeutet nicht, dass ein kürzer gelagerter Kornbrand unterlegen ist. Wenn die Basis – das Destillat – bereits von hoher aromatischer Dichte ist, benötigt es weniger „subtraktive Reifung“, bei der das Fass scharfe Noten abbaut. Stattdessen findet eine additive Reifung statt, bei der das Fass den bereits komplexen Charakter des Destillats lediglich ergänzt und abrundet. Ein solcher 3-jähriger Korn, der als Whisky durchgehen könnte, kann daher fruchtiger, getreidiger und vielschichtiger sein als ein alter Blend, dessen ursprünglicher Getreidecharakter unter einer dicken Schicht von Holzaromen begraben liegt.

Schmeckt man den Unterschied bei Bio-Whiskys wirklich im Glas?

Die Bio-Welle hat längst auch die Welt der Spirituosen erreicht. Doch während die Vorteile für die Umwelt auf der Hand liegen, stellt sich für Genießer die entscheidende Frage: Ist der Unterschied auch schmeckbar oder handelt es sich primär um ein gutes Gewissen im Glas? Aus meiner Erfahrung als Destillateur kann ich sagen: Ja, der Unterschied ist oft subtil, aber für einen geschulten Gaumen deutlich wahrnehmbar. Es geht dabei um mehr als nur den Verzicht auf Pestizide.

Wie ein deutscher Bio-Whisky-Experte erklärt, bedeutet „Bio nicht nur ‚keine Pestizide‘, sondern auch gesündere Böden und oft eine andere Nährstoffzusammensetzung im Korn“. Ein gesunder, lebendiger Boden liefert dem Getreide ein breiteres Spektrum an Mineralien und Nährstoffen. Dies kann zu einem „saubereren“, direkteren und intensiveren Getreideprofil im Destillat führen. Während konventionelles Getreide manchmal eine leicht dumpfe oder gedämpfte Note aufweisen kann, zeigen Bio-Destillate oft eine klarere, unverfälschtere Aromatik. Die Terroir-Note des Getreides tritt stärker in den Vordergrund, da sie nicht von agrarchemischen Einflüssen überlagert wird.

Natürlich spielen auch hier die weiteren Herstellungsschritte eine Rolle. Doch wenn alle anderen Variablen – Mälzerei, Gärung, Destillation, Fass – identisch sind, kann das Bio-Getreide den entscheidenden Unterschied in der Feinheit und Komplexität des Aromas ausmachen. Der beste Weg, dies selbst zu erleben, ist ein direkter Vergleich. Mit einer einfachen Blindverkostung können Sie Ihren eigenen Gaumen schulen und die feinen Nuancen selbst entdecken.

Ihre Anleitung für einen Blindtest: Bio vs. Konventionell

  1. Auswahl treffen: Wählen Sie einen Bio-Whisky und sein konventionelles Pendant, idealerweise von derselben Brennerei und mit ähnlicher Reifung, um die Variablen zu minimieren.
  2. Temperatur anpassen: Lassen Sie beide Whiskys auf Raumtemperatur kommen (ca. 18-20°C), damit sich die Aromen voll entfalten können.
  3. Gläser vorbereiten: Verwenden Sie zwei identische Nosing-Gläser. Lassen Sie eine zweite Person die Gläser befüllen und verdeckt nummerieren.
  4. Aromen vergleichen: Achten Sie gezielt darauf, ob einer der Whiskys ein „saubereres“, direkteres Getreideprofil oder eine intensivere Fruchtigkeit aufweist. Dies ist oft ein Hinweis auf den Bio-Whisky.
  5. Geschmack bewerten: Notieren Sie Unterschiede in der Komplexität am Gaumen, der Textur und der Länge des Nachklangs. Oft zeigt sich hier die feinere Struktur des Bio-Produkts.

Dieser Test ist eine hervorragende Übung, um die eigene sensorische Wahrnehmung zu schärfen und die subtile, aber entscheidende Rolle des Rohstoffs zu würdigen.

Was haben Toastbrot, Steak und dunkles Bier chemisch gemeinsam?

Die Antwort ist eine der wichtigsten chemischen Reaktionen in der Lebensmittelherstellung und auch für den Whisky entscheidend: die Maillard-Reaktion. Sie ist verantwortlich für die köstlichen Röstaromen, die wir so lieben. Immer wenn Zucker und Proteine (Aminosäuren) zusammen erhitzt werden, findet diese Reaktion statt und erzeugt eine Fülle neuer Geschmacks- und Farbmoleküle. Beim Whisky passiert dies vor allem während des Darrens des Malzes.

Abhängig von der Temperatur entstehen dabei ganz unterschiedliche Aromen. Bei moderater Hitze entstehen Verbindungen wie Pyrazine, die für nussige, getreidige und an Popcorn erinnernde Noten sorgen. Erhöht man die Temperatur, werden Furanone gebildet, die süße Karamell- oder Ahornsirup-Aromen erzeugen. Die dabei entstehenden braunen Pigmente, die Melanoidine, sind wiederum für den Geschmack von Brotkruste oder dunklem Bier verantwortlich. Als Brenner nutzen wir diesen Prozess gezielt, um dem Malz ein gewünschtes Aromenprofil zu geben. Die Maillard-Reaktion findet beim Darren typischerweise zwischen 140°C bis 180°C statt – ein Temperaturbereich, der ein präzises Steuern der Aromen ermöglicht.

Die Analogie zum Kochen ist hier perfekt: Das helle Malz entspricht einem leicht getoasteten Brot, während ein dunkles Karamellmalz eher einer kräftigen Brotkruste oder der Kruste eines scharf angebratenen Steaks gleicht. Die folgende Tabelle zeigt, welche Aromen durch welche Verbindungen im Whisky entstehen.

Maillard-Produkte und ihre Aromen im Whisky
Chemische Verbindung Entstehung Aroma im Whisky
Pyrazine Gerste + moderate Hitze Geröstete Nüsse, Popcorn
Furanone Zucker + hohe Hitze Karamell, Ahornsirup
Melanoidine Proteine + Zucker Brotkruste, Malz
Aldehyde Fassbrennen Vanille, Holzkohle

Diese Aromen-Bausteine, die im Malz erzeugt werden, sind die Grundlage der Komplexität. Sie überleben die Gärung und Destillation und bilden das Rückgrat des Geschmacks, das später durch die Fassreifung nur noch ergänzt wird. Wenn Sie also das nächste Mal eine Note von gerösteten Nüssen oder Karamell in Ihrem Whisky schmecken, wissen Sie: Dieser Geschmack wurde nicht im Fass, sondern bereits in der Mälzerei geboren.

Wie wird aus Zucker Alkohol und warum hat ein Bockbier mehr von beidem?

Nachdem das Malz gedarrt und geschrotet wurde, kommt der nächste entscheidende Schritt: die Gärung oder Fermentation. Hier wird der im Malz gelöste Zucker mithilfe von Hefe in Alkohol umgewandelt. Das Ergebnis dieses Prozesses, die sogenannte „Wash“ oder „Bier“, ist die Grundlage für die spätere Destillation. Doch die Hefe produziert nicht nur Alkohol, sie ist auch eine wahre Aromenfabrik.

Die Gleichung ist einfach: Mehr Zucker im Ausgangsprodukt (der „Würze“) ermöglicht der Hefe, mehr Alkohol zu produzieren. Genau das ist das Prinzip eines Bockbiers, das eine höhere Stammwürze und somit mehr Zucker und Alkohol hat als ein leichtes Pils. Für uns Whiskybrenner bedeutet das: Je effizienter die Enzyme im Malz die Stärke in Zucker umgewandelt haben, desto höher die potenzielle Alkoholausbeute. Nach der Gärung, die mehrere Tage dauern kann, hat die Wash einen Alkoholgehalt, der dem eines starken Bieres ähnelt. Nachdem die Hefekulturen abgestorben sind, weist die Mischung einen Alkoholgehalt zwischen etwa 8 % bis 11 % auf.

Viel wichtiger als der Alkohol sind jedoch die unzähligen Nebenprodukte, die die Hefe erzeugt. Dazu gehören vor allem die Ester. Diese chemischen Verbindungen sind für die meisten fruchtigen Aromen im Whisky verantwortlich – von Apfel und Birne über Banane bis hin zu Ananas und anderen tropischen Früchten. Jeder Hefestamm produziert ein einzigartiges Esterprofil. Hier liegt ein riesiges Innovationspotenzial, das besonders deutsche Craft-Brennereien nutzen. Sie experimentieren gezielt mit verschiedenen Hefestämmen aus der reichen deutschen Bierkultur. So kann beispielsweise eine Weizenbier-Hefe im Zusammenspiel mit Weizenmalz intensive Noten von Banane und Gewürznelke erzeugen, die den Charakter des Whiskys von Grund auf definieren. Die Wahl der Hefe ist also ein weiterer mächtiger chemischer Hebel, um die Geschmacks-DNA des Destillats zu formen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Charakter eines Whiskys wird primär durch die Getreidesorte und deren Verarbeitung (Mälzen, Darren) bestimmt, nicht erst im Fass.
  • Die Maillard-Reaktion beim Darren erzeugt die grundlegenden Röst- und Süßaromen (Nuss, Karamell, Brot), während die Hefe bei der Gärung für die fruchtigen Noten (Ester) verantwortlich ist.
  • Deutsche Craft-Destillerien nutzen gezielt lokales Getreide (Terroir) und eine Vielfalt an Malz- und Hefesorten, um einzigartige und komplexe Destillate zu schaffen, die den Mythos „älter ist besser“ widerlegen.

Amerikanische oder Europäische Eiche: Welches Fass gibt die besseren Vanille-Noten?

Nun kommen wir zum Fass, dem Element, dem oft der größte Anteil am Whiskygeschmack zugeschrieben wird. Es stimmt, dass die Fassreifung entscheidend ist und dem Destillat Farbe, Tiefe und eine Fülle von Aromen verleiht. Schätzungen zufolge kann der Anteil des Fasses am finalen Geschmacksprofil erheblich sein. Das Malt Whisky Magazin schreibt, dass der Großteil der Aromen aus der Fasslagerung stammt, wobei der Anteil am Geschmack des Whiskys auf bis zu 80 % geschätzt wird. Doch diese Zahl ist irreführend, wenn man sie isoliert betrachtet. Das Fass kann nur mit dem interagieren, was das Destillat ihm anbietet. Ein fruchtiges Destillat wird andere Aromen aus dem Holz ziehen als ein würziges oder rauchiges.

Die klassische Frage nach amerikanischer oder europäischer Eiche ist dabei zentral. Amerikanische Weißeiche (Quercus alba) ist dichter und enthält hohe Konzentrationen des Stoffs Vanillin. Sie verleiht dem Whisky die typisch süßen, weichen Noten von Vanille, Kokos und Karamell, die man in den meisten Bourbons findet. Europäische Eiche (Quercus robur) ist poröser und reicher an Tanninen. Sie gibt würzigere, trockenere und oft an Trockenfrüchte erinnernde Noten ab, die typisch für viele in Sherryfässern gereifte Scotchs sind.

Doch die deutsche Whisky-Szene zeigt, dass die Welt nicht nur aus diesen beiden Eichenarten besteht. Deutsche Brenner sind Meister der Innovation und Experimentierfreude, wenn es um Fässer geht. Sie zeichnen sich durch eine besondere Vielfalt aus. Anstatt sich auf Standardfässer zu beschränken, wird mit heimischen Hölzern wie der Pfälzerwald-Eiche experimentiert, die einzigartige würzige Noten liefert. Darüber hinaus kommen auch Fässer aus Akazien-, Maulbeer- oder Kastanienholz zum Einsatz. Eine weitere deutsche Spezialität ist die Verwendung von Fässern mit ausgefallenen Vorbelegungen, wie seltenen deutschen Süßweinen (z.B. Trockenbeerenauslese) oder kräftigen Eisbock-Bieren. Diese Fässer verleihen dem Whisky eine Komplexität und Einzigartigkeit, die mit Standard-Bourbon- oder Sherryfässern nicht zu erreichen ist.

Auch wenn das Fass ein mächtiges Werkzeug ist, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass seine Aufgabe die Veredelung, nicht die Erschaffung des Grundcharakters ist.

Nachdem Sie nun den gesamten Weg vom Korn bis zur Fasswahl nachvollzogen haben, wird klar: Ein Whisky ist die Summe vieler präziser Entscheidungen. Anstatt nur auf das Alter zu achten, bewaffnen Sie sich mit diesem Wissen. Fragen Sie nach dem Getreide, der Herkunft und der Art der Herstellung. So werden Sie nicht nur einen guten, sondern genau den richtigen Whisky für Ihren Geschmack finden und seine Geschichte im Glas wirklich verstehen.

Geschrieben von Viktoria Lang, Unabhängige Spirituosen-Expertin und "Master of Quaestors". Spezialisiert auf Fassmanagement, Whisk(e)y-Investment und gereifte Brände wie Cognac und Rum.