
Der Geschmack eines Weins ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter biochemischer Entscheidungen des Winzers.
- Buttrige Noten, weiche Tannine und Restsüße sind direkte Folgen von gesteuerten Prozessen wie dem Säureabbau oder dem Gärstopp.
- Die Rolle von Schwefel wird oft missverstanden; er ist primär ein Schutzstoff, dessen Einsatz durch moderne Kellerhygiene minimiert wird.
Empfehlung: Lernen Sie, diese chemischen Marker bei der Verkostung zu erkennen, um die Absicht des Winzers zu verstehen und Ihre Weinbewertung zu objektivieren.
Haben Sie sich je gefragt, warum ein Chardonnay Sie an Butter und Sahne erinnert, während ein anderer knackig und zitrisch schmeckt? Oder warum ein junger, kräftiger Rotwein den Mund zusammenzieht, während ein gereifter samtweich über die Zunge gleitet? Viele Weinliebhaber beschreiben diese Eindrücke, doch nur wenige verstehen die faszinierenden chemischen Vorgänge, die dahinterstecken. Die üblichen Erklärungen kratzen oft nur an der Oberfläche: Man spricht von „malolaktischer Gärung“ oder dem „Einfluss von Schwefel“, ohne die eigentlichen Mechanismen zu beleuchten.
Die Wahrheit ist, dass ein großer Wein selten ein Produkt des Zufalls ist. Er ist vielmehr das Meisterstück eines Winzers, der wie ein biochemischer Architekt eine Reihe von Hebeln bedient, um einen ganz bestimmten Stil zu kreieren. Jede Entscheidung im Weinberg und im Keller – vom Zeitpunkt der Lese über die Gärführung bis hin zur Wahl des Verschlusses – ist eine bewusste Weichenstellung, die den finalen Charakter des Weins prägt. Das Verständnis dieser Prozesse ist der Schlüssel, um über das simple „Schmeckt mir“ hinauszukommen und die wahre Kunstfertigkeit hinter dem Produkt zu würdigen.
Doch was, wenn die wahre Kunst nicht darin liegt, kryptische Fachbegriffe zu verwenden, sondern die dahinterliegende Chemie zu verstehen? Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise in das molekulare Herz des Weins. Wir werden die wichtigsten chemischen Prozesse entschlüsseln, Mythen wie die pauschale Angst vor Schwefel entkräften und aufzeigen, wie der Winzer durch gezielte Eingriffe Zucker, Säure und Tannine meisterhaft ausbalanciert. Ziel ist es, Ihnen das Rüstzeug zu geben, um Wein nicht nur zu schmecken, sondern ihn auf einer tieferen, analytischen Ebene zu verstehen.
In den folgenden Abschnitten werden wir die chemischen Geheimnisse hinter den prägnantesten Weinstilen lüften. Von den Prozessen, die für cremige Noten sorgen, bis hin zur Kunst, Tannine zu zähmen, bietet dieser Leitfaden einen umfassenden Einblick in die Werkzeuge des modernen Winzers.
Inhaltsverzeichnis: Die chemischen Geheimnisse des Weinstils
- Warum schmeckt mancher Chardonnay nach Butter und Sahne?
- Macht Schwefel wirklich Kopfweh oder schützt er den Wein nur?
- Wie stoppt der Winzer die Gärung, um Süße zu behalten?
- Wie macht man tanninreiche Weine weich und zugänglich?
- Was passiert chemisch beim „Korkschmecker“ (TCA)?
- Wie wird aus Zucker Alkohol und warum hat ein Bockbier mehr von beidem?
- Warum wirkt ein Getränk ohne Säure oft „breit“ und langweilig?
- Auge, Nase, Mund: Wie führen Sie eine professionelle Verkostung durch, ohne snobistisch zu wirken?
Warum schmeckt mancher Chardonnay nach Butter und Sahne?
Die cremigen, buttrigen Noten, die besonders bei in wärmeren Klimazonen angebauten Chardonnays auftreten, sind kein Zufall, sondern das Ergebnis eines gezielten biochemischen Prozesses: des biologischen Säureabbaus (BSA), auch malolaktische Gärung genannt. Dabei wandeln Milchsäurebakterien die im Wein vorhandene, spitz und aggressiv schmeckende Apfelsäure in die weichere, rundere Milchsäure um. Dieser Vorgang verändert nicht nur das Säureprofil, sondern erzeugt auch eine Reihe von Nebenprodukten.
Das entscheidende Molekül für das Butteraroma ist Diacetyl. Es entsteht während des BSA und ist chemisch identisch mit dem Aromastoff in Butter. Die Kunst des Winzers besteht darin, diesen Prozess exakt zu steuern. Die Konzentration von Diacetyl ist dabei kritisch: Wissenschaftliche Messungen zeigen, dass die Wahrnehmungsschwelle für Diacetyl bei etwa 0,2 mg/L liegt, während Konzentrationen in Chardonnay-Weinen von 0,005 bis 1,7 mg/L reichen können. Unterhalb der Schwelle ist es nicht wahrnehmbar, in geringer Konzentration verleiht es Komplexität und die erwünschte Cremigkeit. Wird der Prozess jedoch nicht rechtzeitig gestoppt, kann die Diacetyl-Konzentration zu hoch werden und der Wein schmeckt unangenehm ranzig oder nach Molke. Die deutsche Weinwirtschaft arbeitet daher intensiv an Strategien zur Kontrolle von Diacetyl, um Ablehnungen bei der amtlichen Weinprüfung zu vermeiden, was die Bedeutung dieses Balanceakts unterstreicht.
Ein buttriger Chardonnay ist also kein Zufall, sondern das Resultat einer bewussten Entscheidung für einen weicheren, komplexeren Weinstil, dessen Gelingen von der präzisen Steuerung eines mikrobiologischen Prozesses abhängt.
Macht Schwefel wirklich Kopfweh oder schützt er den Wein nur?
Kaum ein Inhaltsstoff im Wein wird so kontrovers diskutiert wie Schwefel, beziehungsweise Schwefeldioxid (SO₂). Der Hinweis „enthält Sulfite“ auf dem Etikett hat zu der weitverbreiteten Annahme geführt, Schwefel sei ein unnatürlicher Zusatzstoff und die Hauptursache für Kopfschmerzen nach dem Weingenuss. Die Realität ist jedoch weitaus differenzierter. Zunächst einmal entstehen Sulfite in geringen Mengen bei jeder Gärung auf natürliche Weise. Darüber hinaus ist Schwefel das wichtigste Werkzeug des Winzers, um den Wein vor zwei Hauptfeinden zu schützen: Oxidation und mikrobiellem Verderb.
Dieser Winzer in einem traditionellen deutschen Weinkeller, umgeben von moderner Hygieneausstattung, symbolisiert den Kern der modernen Weinbereitung: Kontrolle. Eine tadellose Sauberkeit im Keller reduziert die Notwendigkeit von Schwefel auf ein Minimum.

Die Behauptung, Sulfite verursachten Kopfschmerzen, ist wissenschaftlich kaum haltbar. Nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung (weniger als 1%) reagiert allergisch auf Sulfite, meist mit asthmatischen Symptomen. Kopfschmerzen sind weitaus häufiger auf andere Faktoren wie Alkohol, Histamine oder andere biogene Amine zurückzuführen. Um die Perspektive zu wahren, lohnt ein Blick auf andere Lebensmittel. Wie die folgende Tabelle zeigt, ist der Schwefelgehalt in vielen alltäglichen Produkten deutlich höher als im Wein.
Der Schwefelgehalt in Wein ist im Vergleich zu anderen Lebensmitteln oft moderat, wie eine vergleichende Analyse von Alnatura zeigt.
| Lebensmittel | SO₂-Gehalt |
|---|---|
| Wein | 60-350 mg/L |
| Trockenfrüchte (konventionell) | 500-2000 mg/kg |
| Bio-Trockenfrüchte | 0 mg/kg (nicht erlaubt) |
In Deutschland und der EU gelten zudem strenge gesetzliche Grenzwerte für den SO₂-Gehalt, die je nach Weintyp variieren. Für trockene Weine liegt der Grenzwert deutlich niedriger als für edelsüße Weine wie Beerenauslesen, die aufgrund ihres hohen Zuckergehalts anfälliger für Nachgärungen sind und daher mehr Schutz benötigen. Schwefel ist also kein Feind, sondern ein notwendiger Wächter, der die Qualität und Langlebigkeit des Weins sichert.
Anstatt Schwefel pauschal zu verteufeln, sollte man ihn als das anerkennen, was er ist: ein seit Jahrhunderten bewährtes, streng reguliertes und oft unersetzliches Hilfsmittel zur Qualitätssicherung.
Wie stoppt der Winzer die Gärung, um Süße zu behalten?
Ein Wein mit deutlicher Restsüße, wie man ihn bei deutschen Prädikatsweinen von Kabinett bis Trockenbeerenauslese findet, entsteht nicht durch nachträgliches Zuckern. Der süße Geschmack ist das Ergebnis eines bewusst unvollständigen Gärprozesses. Der Winzer muss die alkoholische Gärung, bei der Hefen den Zucker aus den Trauben in Alkohol und Kohlendioxid umwandeln, an einem exakt definierten Punkt stoppen. Dadurch verbleibt ein Teil des natürlichen Traubenzuckers unvergoren im Wein und sorgt für die gewünschte Süße. Für diesen Gärungsstopp stehen dem Kellermeister mehrere Methoden zur Verfügung, deren Auswahl den Weinstil maßgeblich beeinflusst.
Die gängigsten Techniken zur Erhaltung der Restsüße sind:
- Kältestopp: Die effektivste und schonendste Methode. Der gärende Most wird stark abgekühlt (oft auf unter 0°C). Bei diesen Temperaturen stellen die Hefen ihre Aktivität ein, sinken zu Boden und können anschließend durch Filtration entfernt werden.
- Schwefelung: Die Zugabe von Schwefeldioxid (SO₂) hemmt die Hefen und stoppt die Gärung. Diese Methode muss präzise dosiert werden, um den Weingeschmack nicht negativ zu beeinflussen.
- Filtration: Durch den Einsatz von sehr feinen Filtern (Membranfiltration) können die Hefezellen physisch aus dem Wein entfernt werden, was die Gärung abrupt beendet.
- Natürlicher Stopp: Bei sehr zuckerreichen Weinen wie Eiswein oder Trockenbeerenauslese kommt die Gärung oft von selbst zum Erliegen. Entweder erreicht der Alkoholgehalt eine für die Hefen toxische Konzentration (etwa 15-17 Vol.-%) oder der extrem hohe osmotische Druck durch den Zucker hemmt die Hefen.
- Süßreserve: Eine Besonderheit im deutschen Weinrecht (nur für Qualitätswein b.A. erlaubt) ist die nachträgliche Zugabe von sterilem, unvergorenem Traubenmost (Süßreserve) zum fertig vergorenen, trockenen Grundwein, um die gewünschte Restsüße einzustellen.
Die Kontrolle der Gärung ist somit eine der zentralen Fähigkeiten des Winzers. Sie ermöglicht es ihm, das empfindliche Gleichgewicht zwischen Alkohol, Süße und Säure präzise zu justieren und damit die ganze Bandbreite von trockenen bis edelsüßen Weinen zu erzeugen.
Wie macht man tanninreiche Weine weich und zugänglich?
Tannine sind Polyphenole, die aus den Schalen, Kernen und Stielen der Trauben stammen und für das adstringierende, pelzige Gefühl im Mund verantwortlich sind, das man besonders bei jungen, kräftigen Rotweinen spürt. Während Tannine für die Struktur, Farbe und Langlebigkeit eines Weins unerlässlich sind, können sie in ihrer rohen Form aggressiv und unangenehm wirken. Die Kunst des Winzers besteht darin, diese Tannine zu „zähmen“ und in eine weiche, samtige Textur zu überführen. Dies geschieht hauptsächlich durch einen Prozess namens Polymerisation.
Bei der Polymerisation verbinden sich die kleinen, aggressiven Tanninmoleküle zu größeren, längeren Ketten. Diese größeren Moleküle werden vom Mund als weniger adstringierend und somit als weicher und runder empfunden. Dieser Prozess findet während der Reifung des Weins statt und wird maßgeblich durch einen Faktor beeinflusst: Sauerstoff. Die gezielte, dosierte Zufuhr von kleinsten Mengen Sauerstoff, auch Mikrooxidation genannt, beschleunigt die Tannin-Polymerisation. Dies geschieht klassischerweise bei der Reifung im Holzfass, da die Poren des Holzes eine minimale, aber stetige Sauerstoffdiffusion erlauben. Die kontrollierte Sauerstoffzufuhr fördert nicht nur die Polymerisation von Tanninen, sondern verstärkt auch Farbstabilität und -intensität des Weins.
Die Reifung im Eichenfass spielt hierbei eine doppelte Rolle, wie Experten betonen. Sie ermöglicht nicht nur die Mikrooxidation, sondern fügt dem Wein auch eigene Tannine hinzu.
Die Zugabe von Eichenholzfässern erhöht die chemische Komplexität eines Weins – die in der Eiche enthaltenen Tannine fügen zusätzliche Aromen und Struktur hinzu.
– StudySmarter Weinchemie-Experten, Weinchemie: Definition & Prozesse
Ein weicher, zugänglicher Rotwein ist also das Ergebnis eines langen, geduldigen Prozesses, bei dem der Winzer durch die kontrollierte Interaktion von Wein und Sauerstoff die chemische Struktur der Tannine gezielt verändert, um ein harmonisches und angenehmes Mundgefühl zu schaffen.
Was passiert chemisch beim „Korkschmecker“ (TCA)?
Der gefürchtete „Korkschmecker“ oder kurz „Kork“ ist einer der bekanntesten und ärgerlichsten Weinfehler. Er äußert sich durch einen muffigen Geruch nach feuchtem Keller, nasser Pappe oder schimmligem Tuch, der die fruchtigen Aromen des Weins komplett überdeckt. Verantwortlich für diesen Fehlton ist eine chemische Verbindung namens 2,4,6-Trichloranisol, kurz TCA. Dieses Molekül ist extrem potent. Die menschliche Nase reagiert unglaublich empfindlich auf TCA; die Wahrnehmungsschwelle liegt im Nanogramm-Bereich. Ein Nanogramm ist ein Milliardstel Gramm – das ist vergleichbar mit einem Tropfen in mehreren olympischen Schwimmbecken.
TCA entsteht, wenn bestimmte Schimmelpilze, die natürlich in der Umwelt und auch im Kork vorkommen können, mit chlorhaltigen Substanzen in Kontakt kommen. Diese Chlorverbindungen waren früher in Reinigungsmitteln für Kellereien oder in Pestiziden weit verbreitet. Die Pilze metabolisieren diese Verbindungen zu TCA. Obwohl der Naturkorken die häufigste Quelle ist, kann eine TCA-Kontamination überall im Keller stattfinden – von Holzfässern über Paletten bis hin zu Gummischläuchen. Einmal im Wein, ist der Fehler irreparabel.
Als Reaktion auf dieses Problem hat die Weinindustrie alternative Verschlusssysteme entwickelt, die jedoch ihre eigenen Herausforderungen mit sich bringen:
- Schraubverschluss: Er erfreut sich besonders in Deutschland für Weiß- und Roséweine wachsender Akzeptanz und eliminiert das Risiko von TCA vollständig.
- Herausforderung Reduktion: Die Kehrseite ist der fast vollständige Sauerstoffabschluss. Dies kann zu „Reduktion“ führen, bei der sich unerwünschte Schwefelverbindungen (ein „Böckser“) bilden, die nach faulen Eiern oder gekochtem Kohl riechen.
- Moderne Lösungen: Heutige hochwertige Schraubverschlüsse verwenden Dichtungen mit definierter, kontrollierter Sauerstoffdurchlässigkeit, um dieses Reduktionsrisiko zu minimieren und eine dem Korken ähnliche Reifung zu simulieren.
Die Wahl des Verschlusses ist somit keine reine Geschmacksfrage, sondern eine strategische Entscheidung des Winzers, die ein Abwägen zwischen dem traditionellen Reifepotenzial des Korkens und der technischen Sicherheit moderner Alternativen erfordert.
Wie wird aus Zucker Alkohol und warum hat ein Bockbier mehr von beidem?
Die grundlegende Gleichung der alkoholischen Gärung ist universell: Hefen verstoffwechseln Zucker (Glukose und Fruktose) zu Alkohol (Ethanol) und Kohlendioxid (CO₂). Dieser Prozess findet sowohl bei der Weinherstellung als auch beim Bierbrauen statt. Der entscheidende Unterschied, der erklärt, warum ein Bockbier oft sowohl einen höheren Alkoholgehalt als auch eine spürbare Restsüße im Vergleich zu einem Standard-Pils aufweist, liegt im Ausgangsmaterial: der Stammwürze.
Die Stammwürze ist ein zentraler Begriff aus dem Brauwesen und bezeichnet den Anteil der aus dem Malz gelösten Stoffe (hauptsächlich Zucker, aber auch Proteine und Mineralien) in der Flüssigkeit, bevor die Hefe zugegeben wird. Sie ist quasi das „Potenzial“ der Würze. Eine höhere Stammwürze bedeutet, dass mehr Zucker für die Hefen zur Verfügung steht, was potenziell zu einem höheren Alkoholgehalt führt. Während ein durchschnittliches Vollbier eine Stammwürze von etwa 11-14 % hat, liegt sie bei einem Bockbier deutlich höher. Im Vergleich zu normalem Bier zeigt Bockbier, dass Bockbier mit 16-20% Stammwürze potenziell 6,5-8,5% Alkohol erreichen kann.
Der höhere Alkoholgehalt und die Restsüße beim Bockbier entstehen durch einen nur teilweise vollständigen Gärprozess. Ähnlich wie bei edelsüßen Weinen (z.B. einer Trockenbeerenauslese) kann die Gärung stoppen, bevor aller Zucker umgewandelt ist. Dies geschieht, weil die Kombination aus hohem Alkoholgehalt und dem verbleibenden Zuckerstress für die Hefen erzeugt. Sie stellen ihre Arbeit ein und hinterlassen einen Wein oder ein Bier, das sowohl kräftig als auch süßlich ist. Der Hauptunterschied ist die Zuckerquelle: beim Wein die Traube, beim Bier das Malz.
Das Bockbier-Beispiel demonstriert eindrücklich ein Grundprinzip, das für Wein und Bier gleichermaßen gilt: Der Charakter eines alkoholischen Getränks wird maßgeblich durch die Menge und Art des Zuckers im Ausgangsprodukt und den Grad seiner Vergärung bestimmt.
Warum wirkt ein Getränk ohne Säure oft „breit“ und langweilig?
Säure ist das Rückgrat eines Weins. Ohne sie würde selbst der aromatischste und komplexeste Wein flach, „breit“ und uninteressant schmecken. Sie verleiht dem Wein Struktur, Frische und Lebendigkeit, regt den Speichelfluss an und sorgt für ein sauberes, erfrischendes Gefühl am Gaumen. Chemisch gesehen wird der Säuregehalt eines Weins durch den pH-Wert und die titrierbare Gesamtsäure gemessen. Die meisten deutschen Weine bewegen sich in einem pH-Wert-Bereich zwischen 2,9 und 4,0, wobei niedrigere Werte eine höhere, spürbarere Säure bedeuten.
Die wichtigsten Säuren im Wein sind Weinsäure und Apfelsäure, die direkt aus der Traube stammen, sowie Milchsäure und Bernsteinsäure, die während der Gärung entstehen. Das Verhältnis dieser Säuren zueinander hat einen enormen Einfluss auf die sensorische Wahrnehmung. Apfelsäure schmeckt, wie der Name schon sagt, herb und grün-apfelartig, während Weinsäure als stabiler und strukturgebender gilt. Milchsäure, das Produkt des biologischen Säureabbaus, ist deutlich weicher und runder.
Die Bedeutung der Säure geht weit über den reinen Geschmack hinaus. Sie spielt eine entscheidende Rolle für die Stabilität und das Alterungspotenzial eines Weins. Ein korrekter pH-Wert hemmt das Wachstum unerwünschter Mikroorganismen und erhöht die Wirksamkeit von Schwefeldioxid. Vor allem die Weinsäure ist hier ein Schlüsselfaktor, wie Weinexperten hervorheben.
Für die Weinsäure gilt: Je reifer das Traubengut, umso höher ist der Anteil der Weinsäure an der Gesamtsäure. Die Weinsäure beeinflusst die chemische Beständigkeit des Weins positiv – der Wein verfügt über ein besseres Alterungspotential.
– Punktgenuss Weinexperten, Die Säuren im Wein
Letztendlich ist es das präzise ausbalancierte Spiel zwischen Säure, Süße, Alkohol und Tanninen, das einen Wein groß macht. Die Säure ist dabei der Dirigent, der dem Orchester den Takt und die Spannung vorgibt.
Das Wichtigste in Kürze
- Stilistische Merkmale wie „buttrige“ Noten sind kein Zufall, sondern das Resultat der kontrollierten Bildung von Diacetyl während des biologischen Säureabbaus.
- Die Kunst der Rotweinbereitung liegt in der Zähmung von Tanninen durch gezielte Sauerstoffzufuhr (Mikrooxidation), was zur Polymerisation und einem weicheren Mundgefühl führt.
- Säure ist das strukturelle Rückgrat des Weins; sie sorgt nicht nur für Frische, sondern ist entscheidend für die chemische Stabilität und das Reifepotenzial.
Auge, Nase, Mund: Wie führen Sie eine professionelle Verkostung durch, ohne snobistisch zu wirken?
Das Wissen um die chemischen Prozesse im Wein ist die eine Sache – dieses Wissen bei der Verkostung anzuwenden, um einen Wein analytisch zu bewerten, die andere. Eine professionelle Verkostung hat nichts mit Snobismus oder elitären Ritualen zu tun. Es ist vielmehr eine strukturierte sensorische Analyse, die darauf abzielt, die Eigenschaften eines Weins objektiv zu beschreiben und seine Qualität auf der Grundlage seiner Balance, Komplexität und Typizität zu beurteilen. Der Dreiklang aus Auge, Nase und Mund ist dabei der systematische Weg, um die Handschrift des Winzers zu entschlüsseln.
Im ersten Schritt, der visuellen Prüfung, beurteilen Sie die Farbe, ihre Intensität und Klarheit. Ein tiefes Purpur bei einem jungen Rotwein deutet auf eine gute Extraktion hin, während bräunliche Töne auf Reife (oder Oxidation) schließen lassen. Im zweiten Schritt, der olfaktorischen Prüfung, erschließen Sie die Aromenwelt. Hier zahlen sich Ihre chemischen Kenntnisse aus: Riechen Sie grüne Paprika in einem Sauvignon Blanc? Das sind Pyrazine. Eine Note von Butter oder Joghurt in einem Chardonnay? Das ist Diacetyl aus dem Säureabbau. Der dritte und letzte Schritt ist die gustatorische Prüfung am Gaumen. Hier beurteilen Sie das Zusammenspiel von Süße (Restzucker), Säure, Tanninen (ihre Menge und Qualität) und Alkohol (Körper). Ist der Wein ausbalanciert oder dominiert eine Komponente? Ist der Abgang lang und komplex?
Indem Sie lernen, diese sensorischen Eindrücke mit den chemischen Ursachen zu verknüpfen, verlassen Sie die Ebene des reinen Gefallens und betreten die der fundierten Analyse. Es geht nicht darum, abgehobene Aromen-Assoziationen zu finden, sondern die strukturellen Komponenten des Weins zu identifizieren und zu bewerten. Die folgende Checkliste hilft Ihnen dabei, chemische Marker bei der Verkostung gezielt zu erkennen.
Ihr Plan zur chemisch-sensorischen Analyse
- Pyrazine erkennen: Suchen Sie gezielt nach Noten von grüner Paprika, Spargel oder frisch gemähtem Gras, besonders in Sorten wie Sauvignon Blanc oder Cabernet Franc. Dies sind Marker für eine frühere Lese.
- Diacetyl identifizieren: Achten Sie auf Aromen von Butter, Sahne oder auch Joghurt, die auf einen durchgeführten biologischen Säureabbau hindeuten. Vergleichen Sie dies mit dem Säureeindruck am Gaumen.
- Tanninqualität beurteilen: Konzentrieren Sie sich auf das Mundgefühl. Fühlen sich die Tannine rau, grün und adstringierend (kurzkettig) an oder samtig, feinkörnig und gut integriert (polymerisiert)?
- Säuretyp unterscheiden: Versuchen Sie, die Art der Säure zu erfassen. Wirkt sie eher spitz und hart (überwiegend Apfelsäure) oder weicher und runder (überwiegend Milchsäure nach dem BSA)?
- Körper einschätzen: Beurteilen Sie das „Gewicht“ des Weins im Mund. Ein hoher Alkohol- und Extraktgehalt führt zu einem volleren, wärmeren Gefühl und deutet auf reifes Lesegut oder eine hohe Stammwürze hin.
Nutzen Sie dieses Wissen bei Ihrer nächsten Weinprobe. Anstatt nur zu sagen, ob Ihnen ein Wein schmeckt, versuchen Sie zu begründen, warum. Analysieren Sie seine Struktur, identifizieren Sie die Spuren der Vinifikation und würdigen Sie so die bewussten Entscheidungen, die der Winzer getroffen hat, um genau diesen Stil zu kreieren.