Veröffentlicht am März 12, 2024

Zusammenfassend:

  • Professionelle Weinverkostung ist keine Zauberei, sondern eine erlernbare, systematische Technik, die auf Beobachtung und Analyse basiert.
  • Die Methode zerfällt in drei Phasen: das Sehen (Alter und Zustand erkennen), das Riechen (Fehler und Aromen identifizieren) und das Schmecken (Struktur und Balance bewerten).
  • Das Ausschalten von Vorurteilen durch Blindverkostung und das Verständnis für persönliche Geschmacksschwellen sind entscheidend für eine objektive Bewertung.
  • Ein gezieltes Gaumentraining, bei dem Sie Säure, Süße und Tannine isoliert probieren, ist der Schlüssel, um schnell an Sicherheit zu gewinnen.

Stehen Sie auch manchmal vor dem Weinregal oder im Restaurant und fühlen sich von der Welt der Weine eingeschüchtert? Die Furcht, etwas Falsches zu sagen oder als ahnungslos dazustehen, ist eine der größten Hürden für angehende Weinliebhaber. Viele Ratgeber predigen die klassische Methode – Sehen, Schwenken, Riechen, Schmecken. Doch dieses Ritual wirkt oft wie ein Geheimcode, dessen Schlüssel man nicht besitzt. Man ahmt Bewegungen nach, ohne wirklich zu verstehen, worauf man achten soll, und fühlt sich am Ende nicht klüger als zuvor.

Das Problem ist nicht die Methode selbst, sondern die fehlende Erklärung der dahinterliegenden Logik. Was nützt es, den Wein zu schwenken, wenn man nicht weiß, dass dies die Oberfläche vergrößert, damit mehr Aromamoleküle entweichen können? Was bringt das Betrachten der Farbe, wenn man die Zeichen des Alters nicht deuten kann? Der Schlüssel zu selbstbewusstem Auftreten liegt nicht im Auswendiglernen blumiger Beschreibungen, sondern im Verstehen der zugrundeliegenden Sensorik und Chemie. Es geht darum, eine systematische Dekodierung des Weins zu erlernen.

Doch was wäre, wenn die wahre Kunst nicht im snobistischen Vokabular liegt, sondern in einer strukturierten Analyse, die jeder erlernen kann? Dieser Leitfaden bricht mit dem Mythos der angeborenen Gabe. Wir werden den Prozess in seine logischen Einzelteile zerlegen und Ihnen ein System an die Hand geben. Sie lernen, wie Sie objektive Beobachtungen von subjektivem Genuss trennen und Ihren Gaumen gezielt kalibrieren. So werden Sie in der Lage sein, einen Wein nicht nur zu schmecken, sondern ihn wirklich zu verstehen – und Ihre Eindrücke klar und sicher zu formulieren.

Dieser Artikel führt Sie schrittweise durch die entscheidenden Fragen und Techniken der professionellen Verkostung. Vom ersten Blick ins Glas bis zum gezielten Training Ihres Gaumens entdecken Sie ein System, das Ihnen in jeder Situation Sicherheit gibt.

Was verrät Ihnen der Rand des Weins im Glas über das Alter?

Der erste Schritt jeder systematischen Verkostung ist die visuelle Analyse. Bevor Sie auch nur am Glas riechen, gibt Ihnen das Auge entscheidende Hinweise. Halten Sie das Glas leicht schräg gegen einen weißen Hintergrund, zum Beispiel eine Serviette oder ein Blatt Papier. So können Sie die Farbe unverfälscht beurteilen. Die wichtigste Information, die Sie hier gewinnen, betrifft das Alter und den Reifezustand des Weins. Die Farbe verändert sich im Laufe der Zeit durch Oxidation: Rotweine verlieren an Farbintensität und werden heller, während Weißweine nachdunkeln.

Besonders aussagekräftig ist der Übergang vom Kern zum Rand des Weins im Glas. Bei einem jungen Rotwein ist die Farbe am Rand fast genauso intensiv wie in der Mitte. Mit zunehmender Reife entwickelt sich ein deutlicher, oft wässriger oder sogar leicht bräunlicher Rand. Bei deutschen Weinen ist dies gut zu beobachten. Ein junger Spätburgunder zeigt ein leuchtendes Rubinrot, während ein gereiftes Exemplar ins Ziegel- oder Granatrote tendiert. Beim Weißwein ist es umgekehrt. Wie Experten der Gerolsteiner WeinPlaces bestätigen, variiert die Farbe des Rieslings von einem blassen, grünlich-gelben Ton in der Jugend bis zu einer eleganten Bernsteinfarbe im Alter.

Das Weingut St. Antony aus dem Rheingau zeigt dies beispielhaft mit seinem Blattgold Riesling: Junge Jahrgänge funkeln gelb mit grünen Reflexen, während gereifte Weine aus VDP.Großlagen eine tief goldgelbe Färbung annehmen. Achten Sie bei deutschen Rebsorten auf deren Eigenheiten: Ein Spätburgunder ist von Natur aus heller als ein Cabernet Sauvignon; seine Blässe ist also nicht automatisch ein Zeichen für hohes Alter. Die visuelle Analyse ist Ihr erster Anhaltspunkt zur Dekodierung des Weins – sie schafft eine Erwartungshaltung für Nase und Gaumen.

Kork, Brettanomyces oder Böckser: Wie riecht ein Weinfehler?

Nach dem Auge kommt die Nase. Und ihre erste Aufgabe ist eine Art Qualitätskontrolle: Riecht der Wein sauber oder hat er einen Fehler? Das Erkennen von Weinfehlern ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, um im Restaurant selbstbewusst auftreten zu können. Die drei häufigsten Fehler haben sehr distinkte Geruchsprofile. Der bekannteste ist der Korkschmecker (TCA), der nach feuchtem Keller, nasser Pappe oder schimmligem Korken riecht. Er macht den Wein ungenießbar. Ein weiterer häufiger Fehler ist die Oxidation, bei der der Wein nach Sherry, Liebstöckel oder welken Äpfeln riecht und seine Frische verloren hat.

Komplexer wird es bei mikrobiologischen Fehlern. Brettanomyces, eine Hefegattung, erzeugt Aromen, die an Pferdeschweiß, nasses Leder oder Pflaster erinnern. In sehr geringer Dosis kann dies in manchen Rotweinen als Komplexität empfunden werden, in der Regel ist es aber ein klarer Fehler. Der Böckser entsteht während der Gärung und riecht nach faulen Eiern oder gekochtem Kohl. Oft verfliegt dieser Geruch nach starkem Schwenken des Glases oder durch Dekantieren. Eine besondere Note bei deutschem Riesling ist die sogenannte Petrolnote (TDN), die nicht immer ein Fehler ist. Eine Studie des Forschungskreises der Ernährungsindustrie zeigt, dass der Wahrnehmungsschwellenwert bei Verbrauchern bei 14,7 µg/L liegt, sie den Wein aber erst bei viel höheren Konzentrationen ablehnen.

Nahaufnahme verschiedener Weingläser mit unterschiedlichen Farbnuancen von Wein, von klar bis trüb

Sollten Sie im Restaurant einen Fehler vermuten, bleiben Sie ruhig und höflich. So gehen Sie am besten vor:

  • Riechen Sie sorgfältig und versuchen Sie, den Geruch einzuordnen.
  • Wenden Sie sich an den Sommelier oder das Servicepersonal mit den Worten: „Entschuldigen Sie, könnten Sie den Wein bitte probieren? Für mich riecht er etwas ungewöhnlich.“
  • Vermeiden Sie Anschuldigungen und bleiben Sie bei Ihrer sachlichen Beobachtung.
  • Ein professioneller Service wird den Wein prüfen und Ihnen in der Regel anstandslos eine neue Flasche oder eine Alternative anbieten.

Warum schmecken wir Aromen erst, wenn wir ausatmen?

Dies ist einer der faszinierendsten und am meisten unterschätzten Aspekte der Weinverkostung. Viele Anfänger konzentrieren sich auf das, was sie direkt auf der Zunge schmecken: süß, sauer, salzig, bitter. Doch die unzähligen komplexen Aromen – von Frucht über Gewürze bis hin zu erdigen Noten – nehmen wir hauptsächlich über die Nase wahr, und das auf zwei Wegen. Der erste ist der orthonasale Weg: das direkte Riechen am Glas. Der zweite, oft entscheidendere Weg, ist die retronasale Wahrnehmung.

Retronasal bedeutet „durch die Nase von hinten“. Wenn Sie einen Schluck Wein im Mund haben, erwärmt er sich. Dadurch werden die darin gelösten Aromastoffe flüchtig. Beim Schlucken oder bewussten Ausatmen durch die Nase steigt dieser Aromadampf vom Rachenraum nach oben zum Riechkolben, wo sich unsere Geruchsrezeptoren befinden. Erst hier, im Gehirn, wird aus dem reinen Geschmackseindruck auf der Zunge ein komplexes Aroma. Dieses Phänomen erklärt, warum professionelle Verkoster den Wein im Mund „schlürfen“ oder Luft darüber ziehen: Sie verstärken gezielt die retronasale Wahrnehmung, indem sie mehr Sauerstoff zuführen und die Aromen verwirbeln.

Ein einfaches Selbstexperiment verdeutlicht dies perfekt: Nehmen Sie ein Gummibärchen in den Mund, kauen Sie darauf herum, aber halten Sie sich dabei die Nase zu. Sie werden fast nur Süße und etwas Säure schmecken. Lassen Sie nun die Nase los und atmen Sie aus. Plötzlich explodiert das Fruchtaroma – sei es Erdbeere, Zitrone oder Orange. Dasselbe passiert im Mund mit Wein. Wie die Redaktion des Gentleman-Blogs treffend bemerkt, ist die Verbindung zwischen Gaumen und Nase entscheidend für das, was wir als „Geschmack“ bezeichnen. In ihren Tipps für die Weinverkostung schreiben sie:

Selbst wenn die Nahrung bereits im Mund ist, ’schmecken‘ wir weiterhin über die Nase, da die wichtigen Rezeptoren mit dem Gaumen verbunden sind.

– Gentleman-Blog Redaktion, Tipps für die Weinverkostung

Machen 95 Parker-Punkte einen Wein automatisch lecker für Sie?

Punktebewertungen von Kritikern wie Robert Parker, James Suckling oder Magazinen wie dem Wine Spectator können eine Orientierung bieten, aber sie sind auch eine der größten Quellen für Missverständnisse. Eine hohe Punktzahl bedeutet nicht „Dieser Wein wird Ihnen schmecken“, sondern „Dieser Wein entspricht in hohem Maße den Qualitätskriterien und dem Geschmacksideal des jeweiligen Kritikers“. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Jeder Kritiker hat ein anderes Ideal.

Robert Parker zum Beispiel bevorzugt tendenziell kraftvolle, konzentrierte, oft holzbetonte Weine im internationalen Stil, wie man sie in Bordeaux oder im Napa Valley findet. Ein filigraner, säurebetonter deutscher Riesling von der Mosel wird in diesem System möglicherweise niemals 100 Punkte erreichen, weil er einem völlig anderen Ideal von Eleganz und Finesse folgt. Deshalb ist es so wichtig, die Vorlieben der Kritiker zu kennen und sie in Relation zum eigenen Geschmack zu setzen. Für Liebhaber deutscher Weine sind die Bewertungen von Kritikern wie Eichelmann oder dem Gault&Millau oft relevanter, da sie stärker auf regionale Typizität, Eleganz und Terroir-Ausdruck achten.

Die folgende Tabelle, basierend auf Informationen von Institutionen wie dem Deutschen Weininstitut, gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Stile der wichtigsten Bewertungssysteme. Sie dient als eine Art „Übersetzer“, der Ihnen hilft, die Punkte besser einzuordnen.

Vergleich deutscher und internationaler Bewertungssysteme
Kritiker/System Bewertungsstil Ideal für
Parker (USA) Kraftvoll, konzentriert, holzbetont Bordeaux-Stil, schwere Rotweine
Eichelmann (DE) Eleganz, Terroir, Finesse Deutsche Rieslinge, filigrane Weine
Gault&Millau (DE) Ausgewogenheit, Typizität Regionale Spezialitäten
Falstaff (AT/DE) Harmonie, Trinkfluss Mitteleuropäische Weine

Eine hohe Punktzahl ist ein Qualitätsversprechen, aber keine Geschmacksgarantie. Nutzen Sie Punkte als das, was sie sind: die Meinung eines Experten. Die wichtigste Meinung bleibt jedoch immer Ihre eigene. Der wahre Genuss entsteht, wenn Sie einen Wein finden, der Ihren persönlichen 95+ Punkten entspricht, unabhängig von der offiziellen Bewertung.

Wie schalten Sie Vorurteile aus, indem Sie das Etikett verhüllen?

Unser Gehirn liebt Abkürzungen. Sehen wir ein teures Etikett, erwarten wir einen großartigen Wein. Sehen wir einen Schraubverschluss auf einer Discounter-Flasche, sind unsere Erwartungen niedrig. Diese Vorurteile – geprägt von Preis, Herkunft, Marke und sogar der Flaschenform – beeinflussen unsere Wahrnehmung massiv, noch bevor wir den ersten Schluck genommen haben. Der einzige Weg, diese kognitiven Verzerrungen auszuschalten und einen Wein wirklich objektiv zu bewerten, ist die Blindverkostung.

Eine Blindverkostung muss keine hochwissenschaftliche Angelegenheit sein. Sie können sie ganz einfach zu Hause mit Freunden durchführen und dabei spielerisch Ihre Sensorik schulen. Der Weinexperte Jürgen Overheid empfiehlt eine einfache Methode: Wickeln Sie die Weinflaschen komplett in Alufolie oder stecken Sie sie in undurchsichtige Stoffbeutel und versehen Sie sie mit Nummern. Jeder Teilnehmer probiert die Weine „nackt“ und macht sich Notizen zu Farbe, Geruch und Geschmack. Erst am Ende, nachdem alle ihre Eindrücke geschildert haben, werden die Flaschen enthüllt. Sie werden überrascht sein, wie oft der vermeintliche „billige“ Wein positiv auffällt oder der teure „große Name“ enttäuscht.

Weinflaschen in Alufolie gewickelt mit Nummern, daneben leere Weingläser auf weißem Tisch

Ein spannendes Element ist der sogenannte „Pirat“: ein Wein, der bewusst aus der Reihe fällt. Verkosten Sie zum Beispiel eine Reihe deutscher Rieslinge und schmuggeln Sie einen Sauvignon Blanc aus Neuseeland dazwischen. Werden Sie oder Ihre Freunde den Ausreißer allein anhand seiner Aromatik und Struktur erkennen? Solche Übungen schärfen die Sinne ungemein und trainieren das Gehirn, sich auf die tatsächlichen sensorischen Eindrücke zu konzentrieren, anstatt auf das, was das Etikett verspricht.

Wie verkosten Sie einen 100€-Obstbrand, um jede Nuance zu erfassen?

Die systematische Verkostungstechnik, die Sie für Wein erlernen, ist eine universelle Fähigkeit. Sie lässt sich auf fast jedes hochwertige Genussmittel übertragen – von Olivenöl über Kaffee bis hin zu edlen Spirituosen. Die Verkostung eines teuren Obstbrandes, beispielsweise eines 100€-Williamsbirne vom Bodensee, folgt den gleichen Prinzipien, aber mit angepassten Regeln. Der hohe Preis resultiert hier aus extrem limitierten Erntemengen, der Verwendung vollreifer, handverlesener Früchte und einer meisterhaften, oft mehrfachen Destillationskunst.

Der Hauptunterschied liegt im Alkoholgehalt. Während Wein 12-14 % Alkohol hat, liegen Spirituosen bei 40 % oder mehr. Der Alkohol ist aggressiver zur Nase und zum Gaumen. Daher gilt: Weniger ist mehr. Schwenken Sie das Glas (am besten ein tulpenförmiges Nosing-Glas) nur ganz sanft, um nicht zu viele aggressive Alkoholdämpfe freizusetzen. Führen Sie die Nase langsam an den Glasrand und riechen Sie in kurzen, sanften Zügen, nicht mit einem tiefen Atemzug. Geben Sie der Spirituose Zeit, ihre Aromen zu entfalten. Sie werden zunächst die flüchtigen, blumigen Noten wahrnehmen, gefolgt von den tieferen Frucht- und Würznoten.

Beim Schmecken nehmen Sie nur einen winzigen Schluck, viel kleiner als bei Wein. Lassen Sie diesen Tropfen langsam über die Zunge rollen, um alle Geschmacksknospen zu benetzen. Versuchen Sie nicht, Luft zu schlürfen wie beim Wein – das wäre bei 40 % Alkohol zu scharf. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die Textur (ölig, weich, wässrig) und den retronasalen Eindruck beim langsamen Ausatmen. Bei deutschen Spitzenbränden wie einem Schwarzwälder Kirschwasser suchen Sie nach der Reinheit und Klarheit der Frucht, bei einer Alten Zwetschge aus Franken nach den komplexen, fast an Rum erinnernden Würznoten. Der Abgang sollte lang und wärmend sein, aber nicht brennend.

Warum schmeckt der gleiche Wein für Sie sauer und für Ihren Partner süß?

Dies ist eine der häufigsten und frustrierendsten Erfahrungen bei gemeinsamen Weinproben. Sie nehmen einen klaren, säurebetonten Eindruck wahr, während Ihr Gegenüber von der „fruchtigen Süße“ schwärmt. Die gute Nachricht: Wahrscheinlich haben Sie beide recht. Geschmack ist keine absolute, sondern eine zutiefst individuelle und genetisch bedingte Wahrnehmung. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“, nur unterschiedliche Empfindlichkeiten.

Die wissenschaftliche Erklärung dafür liegt in unseren Genen. Wie Forschungen der Leibniz-Gemeinschaft belegen, besitzen Menschen etwa 400 verschiedene Geruchsrezeptor-Gene, die wiederum bis zu 600 verschiedene Rezeptorvarianten kodieren können. Das bedeutet, dass Ihre persönliche „Hardware“ zur Geruchserkennung sich von der jedes anderen Menschen unterscheidet. Dasselbe gilt für die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge. Manche Menschen, sogenannte „Supertaster“, besitzen eine höhere Dichte an Geschmackspapillen und nehmen insbesondere Bitterstoffe, aber auch Säure oder Süße, viel intensiver wahr als der Durchschnitt.

Für diese Menschen kann ein trockener, tanninreicher Rotwein unerträglich bitter sein, während andere ihn als angenehm strukturiert empfinden. Wieder andere haben eine hohe Schwelle für Säure und nehmen die Fruchtaromen eines Weins stärker wahr, was sie als „süßlich“ interpretieren, obwohl der Wein analytisch trocken ist. Die Webweinschule fasst diesen Sachverhalt prägnant zusammen:

Manche Menschen sind genetisch bedingt empfindlicher für Bitterkeit (sog. ‚Supertaster‘), andere nehmen Säure oder Süße stärker wahr. Es ist keine Frage von ‚richtig‘ oder ‚falsch‘.

– Webweinschule, Die Weinschule im Internet

Diese Erkenntnis ist befreiend. Sie entbindet Sie von dem Druck, dasselbe schmecken zu müssen wie der anerkannte Experte oder Ihr Partner. Ihre Wahrnehmung ist Ihre Realität. Das Ziel der Verkostung ist nicht, einen Konsens zu finden, sondern zu lernen, Ihre individuellen Eindrücke präzise zu beschreiben und zu verstehen, woher sie kommen.

Das Wichtigste in Kürze

  • System schlägt Talent: Weinverkostung ist eine erlernbare Technik, die auf der Analyse von Farbe, Geruch und Struktur basiert, nicht auf angeborener Begabung.
  • Kontext ist alles: Bewertungen (z.B. Parker-Punkte) sind subjektiv. Deutsche Kritiker wie Eichelmann bewerten oft nach anderen Kriterien (Finesse, Terroir) als internationale.
  • Ihr Gaumen lügt nicht: Genetische Unterschiede bestimmen, wie intensiv Sie Säure, Süße oder Bitterkeit wahrnehmen. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“, nur Ihre persönliche Wahrnehmung.

Süße, Säure, Bitterkeit: Wie trainieren Sie Ihren Gaumen, um Dysbalancen sofort zu erkennen?

Nachdem Sie die Theorie verstanden haben, kommt der wichtigste Teil: die Praxis. Einen geschulten Gaumen zu entwickeln bedeutet, die Grundbausteine eines Weins – Süße (durch Restzucker), Säure, Bitterkeit (durch Tannine und Phenole) und Alkohol – isoliert erkennen und ihre Balance bewerten zu können. Eine Dysbalance entsteht, wenn eine dieser Komponenten die anderen dominiert und der Wein dadurch zum Beispiel spitz (zu viel Säure), brandig (zu viel Alkohol) oder pelzig (zu raue Tannine) wirkt.

Der beste Weg, dies zu lernen, ist das gezielte Vergleichen. Anstatt wahllos Weine zu probieren, stellen Sie Weine mit gegensätzlichen Eigenschaften nebeneinander. Die Winzerwelt empfiehlt hierfür eine einfache Übung zur „Gaumen-Kalibrierung“: Stellen Sie vier Wassergläser bereit. In das erste geben Sie etwas Zitronensaft (Säure), in das zweite etwas Zucker (Süße), in das dritte einen starken, kalt gezogenen schwarzen Tee (Tannine/Bitterkeit) und das vierte bleibt neutral. Durch abwechselndes Probieren dieser Reinstoffe lernt Ihr Gehirn, die Grundgeschmacksarten präzise zuzuordnen.

Wenn Sie diese Grundlage geschaffen haben, können Sie das Training auf echten Wein übertragen. Ein systematischer Plan hilft Ihnen, sich jede Woche auf eine Komponente zu konzentrieren und so schnelle Fortschritte zu machen. Das folgende Programm ist ein bewährter Weg, um Ihren Gaumen innerhalb eines Monats signifikant zu schärfen.

Ihr 4-Wochen-Plan zur Gaumen-Kalibrierung

  1. Woche 1: Fokus Säure – Vergleichen Sie einen Wein mit milder Säure (z.B. ein Silvaner aus Franken) mit einem Wein mit prägnanter Säure (z.B. ein trockener Riesling von der Mosel). Achten Sie auf den Speichelfluss, den der Wein anregt.
  2. Woche 2: Fokus Tannine – Vergleichen Sie einen weichen, gerbstoffarmen Rotwein (z.B. ein Trollinger aus Württemberg) mit einem kräftigen, tanninreichen Wein (z.B. ein Lemberger). Spüren Sie das trocknende, adstringierende Gefühl am Zahnfleisch.
  3. Woche 3: Fokus Restsüße – Vergleichen Sie einen „trocken“ und einen „feinherb“ ausgebauten Wein vom selben Winzer und der gleichen Rebsorte. Versuchen Sie, den kleinen Unterschied in der Süße an der Zungenspitze zu erkennen.
  4. Woche 4: Blindverkostung – Stellen Sie die Weine der letzten drei Wochen verdeckt nebeneinander. Versuchen Sie nun, allein anhand der erlernten Strukturmerkmale (Säure, Tannin, Süße) die Weine wiederzuerkennen.

Dieses Training ist der effektivste Weg, um von einem passiven Genießer zu einem aktiven Analysten zu werden. Es gibt Ihnen das Vokabular und die sensorische Erfahrung, um die Struktur eines Weins zu dekodieren und Dysbalancen sofort zu erkennen.

Beginnen Sie noch heute mit Ihrer ersten Vergleichsprobe. Der Weg zum selbstbewussten Weinkenner ist eine Reise der kleinen, bewussten Schritte – und mit diesem System haben Sie eine klare Landkarte in der Hand.

Geschrieben von Sophie Weber, IHK-geprüfte Sommelière und Restaurantleiterin. Expertin für Food-Pairing, Glaswarenkunde, Tischkultur und alkoholfreie Menübegleitungen.