
Die Suche nach alten Rebsorten ist mehr als eine nostalgische Reise. Entgegen der Annahme, es ginge nur um obskure Geschmäcker, ist der Erhalt von Sorten wie Elbling oder Tauberschwarz eine strategische Notwendigkeit. Dieser Artikel enthüllt, warum diese genetische Vielfalt die entscheidende Antwort des deutschen Weinbaus auf den Klimawandel ist und dabei völlig ungeahnte Geschmackswelten eröffnet.
Steht man vor dem Weinregal, scheint die Welt oft überschaubar: Riesling, Spätburgunder, vielleicht noch ein Grauburgunder. Diese Namen dominieren die Etiketten und haben den deutschen Wein weltberühmt gemacht. Doch diese Dominanz ist trügerisch, denn sie verdeckt eine fast vergessene Welt der Vielfalt. Haben Sie sich jemals gefragt, was unsere Vorfahren tranken, bevor der Riesling seinen Siegeszug antrat? In den Weinbergen Deutschlands schlummert ein Schatz, ein lebendiges Archiv aus hunderten von Rebsorten mit Namen wie Adelfränkisch, Tauberschwarz oder Elbling.
Die gängige Meinung ist, dass diese Sorten aus gutem Grund verschwanden – sie seien ertragsschwach, krankheitsanfällig oder geschmacklich nicht mehr zeitgemäß. Man konzentrierte sich auf wenige, verlässliche Sorten, die sich gut vermarkten ließen. Doch was, wenn diese Vereinfachung ein historischer Fehler war? Was, wenn die wahre Stärke nicht in der Uniformität, sondern in der Vielfalt liegt? Die Wiederentdeckung dieser alten Reben ist keine reine Nostalgie für Wein-Archäologen. Sie ist eine hochaktuelle und strategische Antwort auf die größte Herausforderung unserer Zeit: den Klimawandel.
Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Entdeckungsreise in die genetische Schatzkammer des deutschen Weinbaus. Wir werden ergründen, warum der Erhalt dieser Sorten für die Zukunft überlebenswichtig ist, wie die älteste Rebsorte Deutschlands tatsächlich schmeckt und warum manche Weine eine tiefere Verbindung zu ihrem Terroir haben als jeder Blockbuster-Wein. Wir entschlüsseln alte Anbaumethoden, die heute wieder als innovatives Risikomanagement gelten, und tauchen sogar in die faszinierende Welt der Klone ein. Machen Sie sich bereit, Ihren Weinhorizont für immer zu erweitern.
Der folgende Leitfaden strukturiert diese faszinierende Welt und zeigt, warum die Zukunft des Weins in seiner vielfältigen Vergangenheit liegen könnte. Entdecken Sie die Geschichten, Geschmäcker und Geheimnisse, die in Deutschlands alten Weinbergen verborgen sind.
Inhaltsverzeichnis: Deutschlands vergessene Rebenvielfalt entdecken
- Warum ist der Erhalt alter Sorten wichtig für die Zukunft des Weinbaus?
- Wie schmeckt die älteste Rebsorte Deutschlands im Vergleich zum modernen Riesling?
- Warum gibt es manche Weine nur in einem einzigen Tal?
- Warum pflanzte man früher verschiedene Sorten wild durcheinander?
- Wo kauft man Weine, die es nicht im Supermarkt gibt?
- Warum müssen Sie für Weltklasse-Obstbrände nicht nach Frankreich schauen?
- Unterschied zwischen Rebsorte und Klon: Eine einfache Erklärung für Laien
- Warum schmeckt ein Spätburgunder-Klon aus Freiburg anders als einer aus Dijon?
Warum ist der Erhalt alter Sorten wichtig für die Zukunft des Weinbaus?
Die Fokussierung auf wenige, wirtschaftlich erfolgreiche Rebsorten hat zu einer dramatischen genetischen Verarmung in den Weinbergen geführt. Diese Monokulturen sind wie ein Betriebssystem mit nur einer einzigen Sicherheitssoftware – bricht ein neuer Schädling oder eine extreme Wetterlage herein, ist das gesamte System gefährdet. Alte, fast vergessene Sorten sind hier das Gegenteil: ein riesiges genetisches Reservoir, eine biologische Datenbank mit Lösungen für Probleme, die wir heute erst erkennen. Allein in Franken listet ein Projekt der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau 77 historische Rebsorten, davon 17 endemische, die also nur dort vorkommen.
Diese Vielfalt ist keine bloße Liebhaberei, sondern ein entscheidender strategischer Vorteil im Angesicht des Klimawandels. Viele dieser Sorten besitzen Eigenschaften, die heute gefragter sind denn je. Sie sind oft besser an Trockenheit angepasst, resistenter gegen lokale Krankheiten oder reifen später, was in immer heißeren Jahren zu ausgewogeneren Weinen mit moderaterem Alkoholgehalt führen kann. Wie die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau hervorhebt, ist genau das ihre große Chance:
Viele historische Rebsorten reifen relativ spät und sind deshalb interessant für den Versuchsanbau in der aktuell zunehmenden Klimaerwärmung.
– Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, LWG Bayern – Alte Weinberge und historische Rebsorten
Die Rettung dieser Sorten ist oft ein Wettlauf gegen die Zeit, getragen von passionierten Einzelpersonen. Der Rebsortenkundler Andreas Jung etwa hat in Deutschland 320 vergessene Sorten wiederentdeckt und vor dem Aussterben bewahrt. Über 130 davon galten als komplett verschollen. Jede gerettete Rebe ist somit nicht nur ein Stück Kulturgeschichte, sondern auch eine potenzielle Antwort auf die weinbaulichen Herausforderungen von morgen.
Wie schmeckt die älteste Rebsorte Deutschlands im Vergleich zum modernen Riesling?
Um die Faszination alter Sorten zu verstehen, gibt es keinen besseren Weg als den direkten Vergleich. Nehmen wir den Elbling, eine Rebsorte, die von den Römern an die Mosel gebracht wurde. Mit einer beeindruckenden Geschichte von rund 2.000 Jahren wird der Elbling bereits im Moselgebiet angebaut und gilt als eine der ältesten kultivierten Rebsorten Europas. Einst eine der meistangebauten Sorten Deutschlands, fristet er heute ein Nischendasein. Stellen wir ihn dem unangefochtenen König des deutschen Weinbaus gegenüber: dem Riesling.
Während der Riesling für seine komplexe Aromatik von Pfirsich und Aprikose bis hin zu mineralischen Petrolnoten und seine rassige, von Frucht gepufferte Säure berühmt ist, zeigt der Elbling ein völlig anderes Gesicht. Er ist der Inbegriff von Geradlinigkeit und Frische. Sein Geschmacksprofil ist geprägt von Zitrone, grünem Apfel und einer zarten Mandelnote. Seine Säure ist nicht verspielt, sondern kräftig, stahlig und präzise. Er ist der ideale Wein für Puristen – leicht, spritzig und ungemein belebend, oft als Basis für herausragenden Sekt (Winzersekt) genutzt.

Die visuellen Unterschiede der Trauben deuten bereits die geschmacklichen Gegensätze an. Der Elbling mit seinen runden, dicht gepackten Beeren wirkt oft heller und zarter als die eher ovalen, goldgelben Riesling-Trauben. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten sensorischen Unterschiede zusammen und zeigt, dass „anders“ nicht „schlechter“ bedeutet, sondern eine wertvolle Erweiterung der Geschmackspalette darstellt.
| Eigenschaft | Elbling | Riesling |
|---|---|---|
| Säure | Kräftige, stahlige Säure | Rassige, fruchtgepufferte Säure |
| Hauptaromen | Zitrone, grüner Apfel, Mandel | Pfirsich, Aprikose, Petrol |
| Körper | Leicht, spritzig | Mittel bis vollmundig |
| Reifezeit | Früh reifend | Spät reifend |
Warum gibt es manche Weine nur in einem einzigen Tal?
Manche alten Rebsorten sind so eng mit einem Ort verbunden, dass sie zu einem Teil seiner Identität werden. Ihr Überleben verdanken sie oft dem Zufall und der Hartnäckigkeit weniger Menschen, die ihren kulturellen Wert erkannten. Ein perfektes Beispiel hierfür ist der Tauberschwarz, eine rote Rebsorte, die ausschließlich im Taubertal und dessen Seitental, dem Vorbachtal, zu finden ist. Die Geschichte dieser Sorte ist ein wahrer Krimi: Bis 1959 galt der Tauberschwarz offiziell als ausgestorben.
Durch einen glücklichen Zufall wurden in einem alten Weinberg in Ebertsbronn die letzten etwa 400 Rebstöcke entdeckt. Diese Handvoll Reben bildeten den Grundstock für die Wiederbelebung einer ganzen regionalen Spezialität. Heute sind im Taubertal wieder zwölf Hektar mit Tauberschwarz bestockt – eine winzige Fläche im Vergleich zur Gesamtanbaufläche der Region, aber ein riesiger Erfolg für die Biodiversität und die regionale Identität. Ein Wein aus Tauberschwarz ist somit mehr als nur ein Getränk; er ist ein flüssiges Stück Heimatgeschichte, das man nirgendwo sonst auf der Welt findet.
Fallstudie: Die Wiederentdeckung des Tauberschwarz
Der Tauberschwarz galt bis 1959 als ausgestorben, bis man in einem Weinberg in Ebertsbronn im Vorbachtal auf die letzten etwa 400 verbliebenen Rebstöcke stieß. Heute sind im ganzen Taubertal wieder zwölf Hektar bestockt – eine verschwindend geringe Menge bei insgesamt 1.400 Hektar Anbaufläche in Tauberfranken. Diese Rettung bewahrte nicht nur eine Rebsorte, sondern ein Stück regionaler Identität.
Die Organisation Slow Food Deutschland hat den Tauberschwarz in ihre „Arche des Geschmacks“ aufgenommen und unterstreicht damit seine Bedeutung, die weit über den reinen Genuss hinausgeht. Es ist die untrennbare Verbindung von Sorte, Landschaft und Kultur, die solche Weine so besonders macht.
Sowohl die Geschichte der Rebe und ihre Jahrhunderte lange Bedeutung als Rotweinrebe für die Region als auch der sich auf die festumgrenzte Flusslandschaft der Tauber beziehende Name beweist, dass sie maßgeblich zur Identität der Region beiträgt.
– Slow Food Deutschland, Arche des Geschmacks – Tauberschwarz
Warum pflanzte man früher verschiedene Sorten wild durcheinander?
Betritt man heute einen modernen Weinberg, sieht man endlose Reihen derselben Rebsorte. Doch das war nicht immer so. Früher praktizierten Winzer eine heute fast vergessene Methode: den „Gemischten Satz“. Dabei wurden Dutzende verschiedene Rebsorten – weiße und rote, frühe und späte, säurebetonte und zuckerreiche – kunterbunt durcheinander in einem einzigen Weinberg gepflanzt, gemeinsam geerntet und zusammen gekeltert. Was aus heutiger Sicht chaotisch anmutet, war in Wahrheit eine brillante Strategie des Risikomanagements.
Diese Vielfalt war eine Versicherung gegen die Unwägbarkeiten der Natur. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau erklärt den genialen Gedanken dahinter: „Egal, ob ein Frostjahr, ein Fäulnisjahr oder ein Jahr mit schlechter Weinblüte kam, es waren immer Sorten dabei, die genügend Ertrag brachten und die Witterungsextreme ausgleichen konnten.“ Eine früh reifende Sorte konnte einen verregneten Herbst überstehen, während eine pilzresistente Sorte in einem feuchten Jahr den Ertrag sicherte. Das Ergebnis war zwar nicht jedes Jahr der exakt gleiche Wein, aber fast immer ein guter und vor allem ein sicherer Ertrag.

Heute ist diese Praxis extrem selten geworden. In ganz Franken, einer historisch bedeutenden Weinregion, gibt es laut Schätzungen nur noch auf 8 Hektar Weine aus solchen traditionellen Gemischten Sätzen. Doch im Zuge des Klimawandels und der Suche nach mehr Komplexität und Stabilität im Wein entdecken visionäre Winzer diese alte Weisheit wieder. Der Gemischte Satz ist somit ein perfektes Beispiel dafür, wie traditionelles Wissen eine hochmoderne Antwort auf aktuelle Herausforderungen liefern kann.
Wo kauft man Weine, die es nicht im Supermarkt gibt?
Die Entdeckungsreise zu alten Rebsorten führt zwangsläufig weg von den ausgetretenen Pfaden der Supermarktregale. Diese Weine sind keine Massenprodukte, sondern handwerkliche Erzeugnisse, die oft nur in kleinen Mengen verfügbar sind. Der Schlüssel zum Genuss liegt darin, die richtigen Quellen zu kennen. Der direkteste und oft lohnendste Weg ist der Besuch beim Winzer vor Ort. Viele der passionierten Weingüter, die sich dem Erhalt dieser Sorten widmen, bieten einen Verkauf ab Hof an. Dies ist nicht nur eine Gelegenheit zum Kauf, sondern auch zum Gespräch mit den Menschen hinter dem Wein.
Für diejenigen, die nicht die Möglichkeit haben, durch die Weinregionen zu reisen, hat sich das Internet als wertvolles Werkzeug etabliert. Spezialisierte Online-Shops und Plattformen, die sich auf Nischenweine konzentrieren, sind eine wahre Fundgrube. Hier kann man gezielt nach autochthonen Sorten suchen und sich die raren Tropfen direkt nach Hause liefern lassen. Ein gutes Beispiel ist der Online-Shop, der aus dem Projekt zur Erhaltung historischer Rebsorten hervorgegangen ist. Die Erfahrung von Kunden zeigt die Begeisterung, die solche Angebote auslösen:
Endlich gibt es die Möglichkeit für mich die historischen Rebsorten zu probieren, und mich von Ihrem Geschmack auf Entdeckungsreise schicken zu lassen.
– Achim B., Kunde des Online-Shops für historische Rebsorten
Darüber hinaus sind regionale Weinmessen, Feste sowie die charmanten Strauß- und Besenwirtschaften ideale Orte, um lokale Spezialitäten zu entdecken. Auch der gut sortierte Fachhandel kann eine Anlaufstelle sein, wenn man gezielt nachfragt und sein Interesse an diesen besonderen Weinen bekundet. Die folgende Checkliste fasst die besten Strategien zusammen, um an diese vinophilen Raritäten zu gelangen.
Ihr Aktionsplan: So finden Sie Deutschlands Weinschätze
- Winzer direkt kontaktieren: Recherchieren Sie Weingüter in Regionen wie Franken, Mosel oder Taubertal, die alte Sorten anbauen, und besuchen Sie deren Hofverkauf.
- Spezialisierte Online-Shops nutzen: Suchen Sie nach Plattformen wie „historische-rebsorten.de“ oder fragen Sie bei Ihrem Online-Händler gezielt nach „autochthonen“ oder „alten“ Rebsorten.
- Regionale Gastronomie erkunden: Besuchen Sie Straußwirtschaften oder Besenwirtschaften während einer Reise durch die Weinanbaugebiete – hier wird oft ausgeschenkt, was direkt vor der Tür wächst.
- Im Fachhandel nachfragen: Sprechen Sie Ihren Weinhändler des Vertrauens an. Oft können sie spezielle Weine bestellen oder haben Geheimtipps auf Lager.
- Weinmessen und Events besuchen: Halten Sie Ausschau nach Verkostungen von Organisationen wie der Interessengemeinschaft „Alter Fränkischer Satz“, um die Vielfalt direkt zu erleben.
Warum müssen Sie für Weltklasse-Obstbrände nicht nach Frankreich schauen?
Das Prinzip der genetischen Vielfalt als Schatzkammer für einzigartige Geschmackserlebnisse beschränkt sich nicht nur auf Wein. Deutschland besitzt eine ebenso reiche, aber oft übersehene Tradition in der Herstellung von Obstbränden, die auf einem ähnlichen Fundament ruht: den traditionellen Streuobstwiesen. Diese artenreichen Biotope sind das genaue Gegenteil von modernen, intensiven Obstplantagen. Hier finden sich hunderte alte Apfel-, Birnen- und Zwetschgensorten, jede mit ihrem eigenen, unverwechselbaren Aromaprofil.
Während Frankreich für Calvados oder Cognac berühmt ist, liegt die deutsche Stärke in der Vielfalt der Obstsorten. Brände aus der „Bunten Julibirne“, dem „Roten Boskoop“-Apfel oder der „Hauszwetschge“ bieten eine Aromenvielfalt, die standardisierte Früchte niemals erreichen können. Diese alten Sorten sind oft aromatischer, säurebetonter und komplexer im Geschmack, was sie zur perfekten Grundlage für hochwertige Destillate macht. Die Wiederentdeckung dieser Obst-Raritäten durch kleine, handwerklich arbeitende Brennereien spiegelt exakt die Bewegung wider, die wir bei den alten Rebsorten beobachten.
Ein herausragendes Beispiel für diesen Trend ist die Rettung der Zibärtle, einer seltenen Wildpflaume, die fast ausschließlich im Schwarzwald vorkommt. Ihr Brand ist eine hochgeschätzte Spezialität mit einem einzigartigen, an Marzipan und Bittermandel erinnernden Aroma. Wie der Tauberschwarz im Weinbau, stand auch die Zibärtle vor dem Verschwinden und wurde durch das Engagement von Brennern und Naturschützern gerettet. Sie ist heute ein Symbol für den Wert regionaler, fast vergessener landwirtschaftlicher Produkte und beweist, dass Deutschland im Bereich der Spezialitätenbrände auf Augenhöhe mit den berühmten französischen Nachbarn agieren kann – nicht durch Kopie, sondern durch die Konzentration auf die eigene, einzigartige Sortenvielfalt.
Unterschied zwischen Rebsorte und Klon: Eine einfache Erklärung für Laien
Wenn wir tiefer in die Welt der Rebenvielfalt eintauchen, stoßen wir auf eine weitere Ebene der Komplexität: den Unterschied zwischen einer Rebsorte und einem Klon. Laienhaft ausgedrückt, ist die Rebsorte der Familienname, zum Beispiel „Spätburgunder“ (oder Pinot Noir). Alle Pflanzen dieser Familie teilen dieselbe grundlegende DNA. Ein Klon ist hingegen wie ein einzelnes Familienmitglied. Es hat zwar dieselbe DNA, aber durch natürliche Mutationen über Jahrhunderte und gezielte Auswahl durch den Menschen hat es leicht unterschiedliche Eigenschaften entwickelt.
Manche Klone bringen von Natur aus kleinere, konzentriertere Beeren hervor. Andere sind widerstandsfähiger gegen Frost oder reifen etwas früher. Wieder andere bilden lockerere Trauben, die nach Regen schneller trocknen und so weniger anfällig für Fäulnis sind. Diese gezielte Auswahl und Vermehrung der besten Rebstöcke über Jahrzehnte wird klonale Selektion genannt. Es ist wichtig zu betonen: Dies hat nichts mit Gentechnik im Labor zu tun. Es ist ein natürlicher Prozess der Beobachtung und Auslese, den Winzer und Forscher seit Generationen praktizieren, um die Qualität und Anpassungsfähigkeit ihrer Weine zu optimieren.
Warum ist das wichtig? Weil die Wahl des richtigen Klons für einen Winzer genauso entscheidend sein kann wie die Wahl der Rebsorte selbst. Je nach dem, welches Ziel er verfolgt – einen kräftigen, farbintensiven Wein oder einen eleganten, feingliedrigen Stil – wird er unterschiedliche Klone im Weinberg pflanzen. Die Vielfalt innerhalb einer einzigen Rebsorte ist also enorm und ein weiteres mächtiges Werkzeug, um auf unterschiedliche Bodenarten, Klimabedingungen und Qualitätsziele zu reagieren. Die klonale Vielfalt ist die Feineinstellung innerhalb der genetischen Vielfalt.
Das Wichtigste in Kürze
- Alte Rebsorten sind ein unverzichtbares genetisches Reservoir zur Anpassung an den Klimawandel.
- Sorten wie Elbling oder Tauberschwarz bieten einzigartige, von Mainstream-Weinen abweichende Geschmacksprofile.
- Traditionelle Methoden wie der „Gemischte Satz“ erleben als intelligente Risikomanagement-Strategie eine Renaissance.
Warum schmeckt ein Spätburgunder-Klon aus Freiburg anders als einer aus Dijon?
Die Bedeutung der Klon-Auswahl lässt sich am besten am Beispiel des Spätburgunders (Pinot Noir) illustrieren, einer Rebsorte, die wie keine andere auf ihre Herkunft und ihren Klon reagiert. Historisch gesehen gibt es zwei wichtige „Schulen“ der Klon-Züchtung: die französische aus dem Burgund (oft „Dijon-Klone“ genannt) und die deutsche, maßgeblich geprägt durch das Staatliche Weinbauinstitut in Freiburg.
Die Zuchtziele waren historisch unterschiedlich, was sich heute direkt im Glas widerspiegelt. Wie das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg erklärt, wurden die berühmten Dijon-Klone traditionell auf Finesse, aromatische Komplexität und Eleganz bei bewusst niedrigen Erträgen selektiert. Sie sind die Basis für die legendären, oft teuren und lagerfähigen Burgunderweine. Die klassischen deutschen „Freiburg-Klone“ hingegen wurden oft mit einem anderen Fokus gezüchtet: Sie sollten an das kühlere deutsche Klima angepasst sein, eine gute Farbausbeute liefern und vor allem Reifesicherheit garantieren – also auch in schwierigeren Jahren zuverlässig gute Ergebnisse bringen.
In den 1980er und 90er Jahren fand in Deutschland eine wahre „Pinot-Revolution“ statt. Führende Winzer wie Bernhard Huber in Baden oder Paul Fürst in Franken begannen, gezielt Dijon-Klone aus Frankreich zu importieren und in ihren Weinbergen zu pflanzen. Ihr Ziel war es, die Qualität ihrer Weine auf das Niveau der weltbesten Burgunder zu heben – mit Erfolg. Heute ist es in deutschen Spitzenweingütern üblich, einen Mix aus verschiedenen Klonen im Weinberg zu haben. Winzer nutzen die Kraft und Struktur der deutschen Klone und kombinieren sie mit der Finesse und Komplexität der Dijon-Klone, um Weine mit einer vielschichtigen Persönlichkeit zu schaffen. Die Wahl des Klons ist somit eine der wichtigsten Stilentscheidungen des Winzers, lange bevor die Traube überhaupt im Keller ankommt.
Indem Sie sich auf diese faszinierende Welt der alten Sorten und spezifischen Klone einlassen, unterstützen Sie nicht nur die biologische Vielfalt, sondern belohnen auch den Mut und die Vision der Winzer. Der nächste Schritt auf Ihrer Entdeckungsreise ist, diese Weine selbst zu probieren und die Geschichten hinter den Etiketten zu schmecken.
Häufige Fragen zu alten Rebsorten und Klonen
Was ist der Unterschied zwischen einer Rebsorte und einem Klon?
Eine Rebsorte ist wie ein Familienname (z.B. Spätburgunder), während Klone die einzelnen Familienmitglieder mit gleicher DNA aber unterschiedlichen Eigenschaften sind (z.B. ein Klon, der kleinere Beeren hat, ein anderer, der frostresistenter ist).
Ist Klonenselektion Gentechnik?
Nein, es handelt sich um eine traditionelle landwirtschaftliche Methode. Es ist eine natürliche Auswahl der besten Rebstöcke über Jahrzehnte durch Beobachtung und vegetative Vermehrung, keine genetische Manipulation im Labor.
Warum gibt es verschiedene Klone einer Rebsorte?
Winzer und Züchter wählen Klone je nach spezifischem Ziel aus. Für einen kräftigen, farbintensiven Wein kann beispielsweise der deutsche Klon ‚Frank 105‘ bevorzugt werden, während für einen eleganteren, feingliedrigen Stil eher ein ‚Dijon-Klon‘ aus dem Burgund gewählt wird.