Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung ist echter Premium-Sake keine Spirituose, sondern ein filigranes Getränk, dessen Qualität von weit mehr als nur dem Poliergrad des Reises abhängt.

  • Die besten Sake-Sorten (Ginjo, Daiginjo) entfalten ihre komplexen Aromen gekühlt, nicht heiß.
  • Dank seines geringen Eisengehalts und hohen Umami-Anteils harmoniert Sake oft besser mit europäischen Gerichten als Wein.
  • Die „Reissorte“ ist für Sake so entscheidend wie die Rebsorte für Wein und prägt maßgeblich den Charakter.

Empfehlung: Beginnen Sie Ihre Entdeckungsreise mit einem gekühlten Junmai Ginjo zu einem Gericht wie Spargel mit Sauce Hollandaise, um die überraschende Harmonie selbst zu erleben.

Wenn Sie in Deutschland das Wort „Sake“ hören, was kommt Ihnen in den Sinn? Wahrscheinlich ein kleines Keramikfläschchen mit heißem, starkem „Reisschnaps“, das nach dem Sushi-Essen gereicht wird. Dieses Bild, so verbreitet es auch ist, hat mit der Realität von Premium-Sake etwa so viel zu tun wie ein Tetra-Pak-Landwein mit einem Grand Cru aus dem Bordeaux. Die Welt des echten Sake, in Japan „Nihonshu“ genannt, ist unendlich vielfältig, komplex und voller filigraner Geschmackswelten, die darauf warten, entdeckt zu werden. Viele glauben, Qualität ließe sich einfach an Begriffen wie Junmai, Ginjo oder Daiginjo ablesen, die oft mit dem Poliergrad des Reises in Verbindung gebracht werden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Die wahre Kunst, Sake zu verstehen, liegt nicht im Auswendiglernen von Prozentsätzen. Es geht darum, die Geschmacks-Logik dahinter zu entschlüsseln: Warum führt das Wegschleifen der äußeren Reisschichten zu Eleganz? Warum ruiniert Wärme einen delikaten Sake, während sie einen anderen zur vollen Entfaltung bringt? Und was ist dieses mysteriöse „Umami“, das Sake zu einem so genialen Essensbegleiter für die westliche Küche macht? Dieser Guide ist Ihr persönlicher Sake-Sommelier. Er übersetzt die japanischen Qualitätskriterien in eine Sprache, die Ihr Gaumen versteht, und bricht mit alten Mythen. Vergessen Sie den heißen Schnaps. Bereiten Sie sich darauf vor, eine völlig neue Genusswelt zu betreten, die näher an einem komplexen Weißwein oder einem handwerklich gebrauten Bier angesiedelt ist, als Sie es je für möglich gehalten hätten.

In diesem Artikel führen wir Sie schrittweise durch die entscheidenden Aspekte, die die Qualität und den Charakter von Sake bestimmen. Sie werden lernen, die Etiketten zu deuten, die richtige Trinktemperatur zu wählen und überraschende Kombinationen mit europäischen Speisen zu wagen, um das volle Potenzial dieses faszinierenden Getränks zu erschließen.

Warum macht es den Sake edler, wenn man 50% des Reiskorns wegschleift?

Die zentrale Kennzahl für Premium-Sake ist die Reispolierrate, der „Seimaibuai“. Sie gibt an, wie viel Prozent des Reiskorns nach dem Polieren übrig bleiben. Eine Rate von 60 % bedeutet also, dass 40 % des Korns entfernt wurden. Doch warum dieser Aufwand? Der Kern eines Sake-Reiskorns (Shinpaku) besteht aus fast reiner Stärke – der perfekten Nahrung für die Hefe während der Gärung. Die äußeren Schichten hingegen enthalten Fette, Proteine und Mineralien. Diese sind zwar nahrhaft, erzeugen bei der Fermentation aber unerwünschte, oft raue und komplexe Fehlaromen. Je mehr man von diesen äußeren Schichten entfernt, desto reiner und eleganter wird der resultierende Sake. Ein Daiginjo, bei dem oft nur 50 % oder weniger des Korns übrig bleiben, ist deshalb meist besonders filigran, fruchtig und aromatisch. Ein Junmai mit einer Polierrate von 70 % ist hingegen oft kräftiger, erdiger und reisbetonter.

Diese aufwendige Verarbeitung erklärt, warum echter Premium-Sake seinen Preis hat und eine Nische darstellt. Tatsächlich machen die Premium-Kategorien nur 40% der japanischen Sake-Produktion aus, während der Großteil auf einfachen „Futsushu“ (Tafel-Sake) entfällt, bei dem der Reis kaum oder gar nicht poliert wird. Der Poliergrad ist somit der erste und wichtigste Indikator, um die grundlegende Stilistik eines Sake zu verstehen: von robust und vollmundig bis hin zu zart und parfümiert. Es ist der Unterschied zwischen einem rustikalen Landbrot und einer leichten, luftigen Patisserie – beides köstlich, aber für völlig unterschiedliche Anlässe gedacht.

Checkliste: Premium-Sake in Deutschland erkennen

  1. Prozentangabe suchen: Achten Sie auf eine Prozentzahl auf dem Etikett. Ein Wert von 70 % oder kleiner ist ein klares Zeichen für Premium-Qualität.
  2. Zutaten prüfen: Die Liste sollte kurz sein. Nur Reis, Wasser, Koji-Pilz und eventuell ein kleiner Zusatz von Brauereialkohol (bei Ginjo/Daiginjo) sind erlaubt.
  3. Schlüsselwörter finden: Suchen Sie nach den Begriffen „Ginjo“, „Daiginjo“ oder „Junmai“. Diese garantieren, dass es sich um eine Premium-Kategorie handelt.
  4. Preis als Indikator: Rechnen Sie in Deutschland mit Preisen ab etwa 30 € für eine 720-ml-Flasche. Deutlich günstigere Angebote sind oft einfacher Futsushu.
  5. Zusatzstoffe meiden: Flaschen, die Süßungsmittel, Säuerungsmittel oder Geschmacksverstärker auflisten, gehören nicht in die Premium-Kategorie und sollten vermieden werden.

Welchen Sake sollten Sie erwärmen und welchen ruinieren Sie damit?

Der Mythos des heißen Sake ist hartnäckig. In Wahrheit ist die Temperatur das mächtigste Werkzeug, um das Geschmacksprofil eines Sake zu steuern – und die falsche Temperatur kann ein Meisterwerk ruinieren. Die Grundregel ist einfach: Je delikater und aromatischer der Sake, desto kühler sollte er serviert werden. Die feinen, flüchtigen Frucht- und Blütenaromen eines teuren Daiginjo oder Ginjo würden bei Erwärmung einfach verfliegen, ähnlich wie man einen hochwertigen Riesling nicht erhitzen würde. Diese Sake-Sorten entfalten ihre volle Pracht leicht gekühlt, meist in einem idealen Temperatur-Fenster zwischen 4 und 10 °C.

Das Erwärmen („Kan-zake“) ist hingegen eine wunderbare Methode für kräftigere, reisbetonte Sake-Typen wie viele Junmai oder Honjozo. Wärme mildert die Säure, hebt die Umami-Noten hervor und macht den Geschmack insgesamt weicher und runder. Oft werden auch einfachere Futsushu-Sake erwärmt, um eventuelle geschmackliche Unebenheiten zu kaschieren. Wichtig ist jedoch die Methode: Die Mikrowelle ist tabu, da sie den Sake ungleichmäßig erhitzt und „kocht“. Traditionell wird eine Karaffe (Tokkuri) in ein heißes Wasserbad gestellt, bis der Sake die gewünschte Temperatur erreicht hat. Eine schonende Erwärmung auf etwa 40°C bewahrt die Aromen und sorgt für ein angenehm weiches Mundgefühl.

Das Spiel mit der Temperatur ist ein zentraler Teil der Sake-Kultur. Anstatt also starr von „kalt“ oder „warm“ zu sprechen, sollten Sie in „Temperatur-Fenstern“ denken. Viele Junmai-Sake sind beispielsweise sowohl bei Zimmertemperatur als auch leicht erwärmt ein Genuss und offenbaren dabei völlig unterschiedliche Facetten ihres Charakters.

Nahaufnahme eines traditionellen Sake-Erwärmungsprozesses mit einer Glaskaraffe im dampfenden Wasserbad

Die folgende Tabelle gibt Ihnen eine klare Orientierung, welche Sake-Kategorie bei welcher Temperatur am besten zur Geltung kommt. Sie dient als perfekter Leitfaden für Ihre ersten Experimente.

Sake-Kategorien und ihre idealen Trinktemperaturen
Sake-Kategorie Ideale Temperatur Erwärmung empfohlen? Geschmacksveränderung beim Erwärmen
Daiginjo/Ginjo 4-10°C (gekühlt) Nein Verlust der feinen, blumigen Aromen
Junmai Zimmertemperatur oder warm Ja Verstärkung der Umami-Noten, Milderung der Säure
Honjozo Warm bevorzugt Ja Weicherer, ausgewogenerer Geschmack
Futsushu Warm oder kalt Ja Kaschierung von Qualitätsmängeln möglich

Warum passt Sake oft besser zu westlichem Essen als Wein (Umami)?

Während Wein durch Tannine und eine oft präsente Säure mit vielen Speisen konkurriert, verhält sich Sake fundamental anders. Sein Geheimnis liegt in zwei Eigenschaften: einem sehr geringen Eisengehalt und einem hohen Anteil an Umami, der fünften Geschmacksrichtung, die für ein herzhaftes, vollmundiges Gefühl sorgt. Wein, insbesondere Rotwein, reagiert oft negativ mit den Omega-3-Fettsäuren in Fisch und Meeresfrüchten, was einen unangenehm metallischen Geschmack erzeugt. Sake, praktisch eisenfrei, hat dieses Problem nicht und ist daher ein natürlicher Partner für alles aus dem Meer – weit über Sushi hinaus. Doch seine wahre Stärke zeigt sich in seiner Rolle als Umami-Verstärker.

Sake enthält eine hohe Konzentration an Aminosäuren wie Glutamat, die für den Umami-Geschmack verantwortlich sind. Wenn Sake mit umami-reichen Lebensmitteln wie gereiftem Käse, Pilzen, Tomaten oder geräuchertem Fleisch kombiniert wird, entsteht eine synergistische Wirkung: Der Gesamtgeschmack wird nicht nur addiert, sondern potenziert. Der Sake hebt die herzhaften Noten im Essen hervor und umgekehrt. Das ist der Grund, warum ein kräftiger Junmai-Sake so phänomenal zu einer Lasagne Bolognese oder einem Parmesan-Risotto passt. Er „kämpft“ nicht gegen das Essen, wie es der Sake-Kritiker Anthony Rose formulierte, sondern bildet eine harmonische Brücke und hebt das Gericht auf ein neues Level.

Diese Fähigkeit macht Sake zu einem unglaublich vielseitigen Essensbegleiter in der europäischen Küche. Anstatt sich also zu fragen, „passt Sake zu meinem Essen?“, lautet die bessere Frage: „Welcher Sake passt am besten?“. Die folgende Liste bietet einige überraschende, aber geniale Anregungen.

  • Kombinieren Sie einen kräftigen Junmai mit spanischem Jamón Ibérico oder einer reichhaltigen italienischen Lasagne.
  • Servieren Sie einen leichten, fruchtigen Daiginjo zu französischen Austern oder einem griechischen Salat mit Feta.
  • Reichen Sie einen Ginjo zu weißem Spargel mit Sauce Hollandaise – die Kombination verhindert den oft entstehenden metallischen Nachgeschmack.
  • Paaren Sie einen traditionell gebrauten Kimoto-Sake mit deutschem Sauerkraut – die Milchsäure in beiden Komponenten harmoniert perfekt.
  • Wählen Sie Sake anstelle von Wein zu einer Käseplatte; das Umami des Sake intensiviert die würzigen Aromen des Käses.

Warum müssen Sie Sake-Flaschen zwingend dunkel lagern?

Sake ist ein empfindliches Naturprodukt, das auf seine Umgebung reagiert. Seine beiden größten Feinde sind Licht und Wärme. Im Gegensatz zu vielen Weinen, die von einer langen Lagerung profitieren können, ist Sake für den frischen Genuss bestimmt. Er „reift“ in der Flasche nicht positiv nach, sondern beginnt langsam, seine frischen und lebendigen Aromen zu verlieren. Insbesondere direktes Sonnenlicht oder sogar die UV-Strahlung von Leuchtstoffröhren können einen Sake innerhalb weniger Stunden ruinieren. Das Licht zersetzt die empfindlichen aromatischen Verbindungen und erzeugt einen unangenehmen, oft als „angebrannt“ oder „stinkend“ beschriebenen Geruch, der als „Nikko-ka“ bekannt ist. Aus diesem Grund werden viele Sake-Flaschen in dunklem Glas verkauft oder sogar zusätzlich in Papier oder Kartons verpackt.

Neben dem Licht ist die Temperatur der zweite kritische Faktor. Eine konstante, kühle Lagerung verlangsamt die Alterungsprozesse erheblich. Während einfache Sake-Sorten bei kühler Raumtemperatur gelagert werden können, ist für die delikaten Premium-Sorten eine Lagerung im Kühlschrank unerlässlich. Experten empfehlen für Daiginjo-Sake eine Lagertemperatur zwischen 4°C bis 10°C. Besonders kritisch ist dies bei unpasteurisiertem Sake („Namazake“), der wie frische Milch behandelt werden muss und bei Raumtemperatur schnell verderben würde. Eine geöffnete Flasche gehört grundsätzlich immer in den Kühlschrank und sollte, je nach Qualität, innerhalb weniger Tage bis maximal zwei Wochen aufgebraucht werden, da der Kontakt mit Sauerstoff die Aromen schnell verflachen lässt.

Seitenansicht eines professionellen Weinkühlschranks mit mehreren Sake-Flaschen in verschiedenen Größen, sanft beleuchtet

Die richtige Lagerung ist kein optionaler Luxus, sondern die Grundvoraussetzung, um die Qualität und den Geschmack, für den Sie bezahlt haben, zu bewahren. Behandeln Sie eine Flasche Premium-Sake wie ein frisches, hochwertiges Lebensmittel, nicht wie eine Spirituose im Regal.

Warum ist Sake technisch gesehen eher ein Bier, schmeckt aber wie Wein?

Eine der größten Quellen der Verwirrung ist die Kategorisierung von Sake. In Deutschland wird er hartnäckig als „Reiswein“ bezeichnet, was sensorisch zwar nachvollziehbar ist, technisch aber falsch. Wein wird durch die einfache Gärung von Fruchtzucker (aus Trauben) hergestellt. Sake hingegen wird aus Reis, also Getreide, gemacht. Getreide enthält Stärke, keinen Zucker. Diese Stärke muss erst in Zucker umgewandelt werden, bevor die Hefe sie zu Alkohol vergären kann. Dieser zweistufige Prozess – Stärkeumwandlung und Alkoholgärung – ist das charakteristische Merkmal des Bierbrauens. Beim Sake geschieht dies jedoch in einem einzigartigen, simultanen Prozess namens „multiple parallele Fermentation“, was ihn von allem anderen unterscheidet.

Wie die Redaktion von Vergleich.org treffend zusammenfasst:

Sake wird in Deutschland häufig als Reiswein bezeichnet, wobei der Herstellungsprozess eher dem Bierbrauen ähnelt als der Weinherstellung

– Vergleich.org Redaktion, Sake Test & Vergleich 2025

Warum schmeckt er dann so anders als Bier? Der Hauptgrund liegt in den verwendeten Zutaten und dem Filtrationsprozess. Anstelle von Hopfen, der Bier seine Bitterkeit verleiht, kommt der Koji-Pilz zum Einsatz, der für die Stärkeumwandlung sorgt und eine Fülle von Umami- und Fruchtaromen erzeugt. Nach der Gärung wird Sake zudem sorgfältig gepresst und gefiltert, was zu einer klaren Flüssigkeit ohne Kohlensäure führt. Sein Alkoholgehalt, der nach der Gärung bis zu 20 % erreichen kann, wird meist mit Wasser auf eine trinkfreundliche Stärke eingestellt. So enthält Sake durchschnittlich etwa 15% Alkohol, was ihn wiederum in die Nähe eines kräftigen Weins rückt. Sake ist also weder Wein noch Bier, sondern eine völlig eigenständige Kategorie: ein gebrautes Getränk mit der Komplexität und Eleganz eines Weins.

Unterschied zwischen Rebsorte und Klon: Eine einfache Erklärung für Laien

So wie die Wahl der Rebsorte (Chardonnay, Riesling, Spätburgunder) den Grundcharakter eines Weines bestimmt, ist die Wahl der Reissorte für Sake von fundamentaler Bedeutung. Man kann nicht einfach irgendeinen Speisereis verwenden. Für die Herstellung von Premium-Sake werden spezielle Reissorten angebaut, die „Sakamei“ genannt werden. Diese Sorten zeichnen sich durch größere Körner, einen hohen Anteil an reiner Stärke im Kern (Shinpaku) und eine geringe Konzentration an Proteinen und Fetten aus. Sie sind ideal für das Polieren und liefern die besten Voraussetzungen für eine saubere, aromatische Gärung.

Weltweit gibt es unzählige Reissorten, aber insgesamt sind in Japan rund 126 Reissorten für die Sake-Produktion zugelassen. Einige davon haben einen legendären Status, vergleichbar mit den großen Rebsorten der Weinwelt. Die mit Abstand berühmteste und am meisten geschätzte Sorte ist Yamada Nishiki, oft als der „König der Sake-Reise“ bezeichnet. Er wird hauptsächlich in der Präfektur Hyogo angebaut und ist bekannt für die Erzeugung von besonders aromatischen, komplexen und ausgewogenen Sake mit fruchtigen Noten, insbesondere bei Daiginjo-Qualitäten. Andere wichtige Sorten sind Gohyakumangoku, der leichtere und trockenere Sake hervorbringt, und Omachi, eine der ältesten Sorten, die für erdige, komplexe und würzige Geschmacksprofile bekannt ist.

Die Reissorte ist also, genau wie beim Wein, ein entscheidender Faktor für das Aromaprofil und die Textur des Endprodukts. Ein Sake aus Yamada Nishiki wird sich immer von einem Sake aus Omachi unterscheiden, selbst wenn alle anderen Produktionsschritte identisch wären. Für den Kenner ist die Angabe der Reissorte auf dem Etikett daher ein wichtiger Hinweis auf den zu erwartenden Stil und die Qualität des Sake.

Wie schaffen Sie eine Verbindung, indem Sie eine Zutat im Drink und im Essen verwenden?

Eine der elegantesten Methoden beim Food Pairing, die sogenannte „Aromenbrücke“, besteht darin, eine Verbindung zwischen Getränk und Speise durch eine gemeinsame Zutat oder ein gemeinsames Aroma zu schaffen. Sake bietet hierfür fantastische Möglichkeiten. Da er selbst aus Reis hergestellt wird, ist er ein natürlicher Partner für alle Arten von Reisgerichten. Die Kombination eines kräftigen Junmai-Sake mit einem cremigen Pilzrisotto ist ein klassisches Beispiel: Das erdige Aroma der Pilze harmoniert mit den reisbetonten Noten des Sake, während die Cremigkeit des Risottos von der Säure und dem Umami des Getränks perfekt ausbalanciert wird.

Diese Brücke kann aber auch über Fermentation oder Fruchtaromen gebaut werden. Ein traditionell hergestellter Kimoto-Sake, der durch wilde Milchsäurebakterien eine höhere Säure und Komplexität entwickelt, ist ein genialer Begleiter zu anderen fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut, gereiftem Käse oder sogar deutschem Handkäse mit Musik. Die ähnlichen Gärungsaromen schaffen eine tiefe, harmonische Verbindung. Fruchtige Ginjo-Sake, die oft Noten von Apfel, Birne oder Melone aufweisen, passen wunderbar zu Salaten mit ebendiesen Früchten oder zu Desserts, in denen sie verarbeitet wurden. Die folgende Liste gibt Ihnen weitere konkrete Ideen, um diese Technik zu meistern.

  • Servieren Sie einen Junmai-Sake zu Risotto – der gemeinsame Nenner Reis verbindet Getränk und Speise auf ideale Weise.
  • Kombinieren Sie einen Kimoto-Sake mit fermentierten Speisen wie deutschem Handkäse oder Sauerkraut, um eine Säure-Harmonie zu erzeugen.
  • Paaren Sie einen fruchtigen Ginjo mit Apfel- oder Birnennoten zu Gerichten, die dieselben Früchte enthalten, zum Beispiel einem herbstlichen Salat oder einer Tarte.
  • Reichen Sie einen Nigori (trüben Sake) zu cremigen Desserts wie Panna Cotta, um eine faszinierende Textur-Harmonie zu schaffen.
  • Nutzen Sie die Umami-Verstärkung von Sake bei Pilzgerichten, um deren erdige Tiefe hervorzuheben.

Diese Methode des Pairings hebt die Kombination von Essen und Trinken von einer reinen Begleitung zu einem echten Dialog an. Ein deutscher Sake-Liebhaber fasst seine Entdeckung dieser neuen Genusswelt treffend zusammen:

Meine erste intensive Erfahrung mit Sake hatte ich am Ende meines Studiums an der Kyoto Universität. Nach einem Sake-Tasting beim Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreis in Berlin hat sich mir eine wirklich neue Genusswelt erschlossen. Besonders beeindruckt hat mich, wie gut Sake zu deutschen Speisen passt – die Kombination mit Spargel war eine Offenbarung!

– Deutscher Sake-Enthusiast, zitiert auf Wanderweib.de

Das Wichtigste in Kürze

  • Qualität im Sake ist ein Zusammenspiel aus Poliergrad, Reissorte, Brautechnik und Temperatur – nicht nur ein einzelner Faktor.
  • Premium-Sake (Ginjo, Daiginjo) wird gekühlt genossen, um seine feinen Aromen zu bewahren; nur kräftigere Typen wie Junmai profitieren von Wärme.
  • Sake ist ein außergewöhnlicher Essensbegleiter für die europäische Küche, da sein Umami die Aromen von Käse, Pilzen oder Fleischgerichten verstärkt.

Süße, Säure, Bitterkeit: Wie trainieren Sie Ihren Gaumen, um Dysbalancen sofort zu erkennen?

Nachdem Sie die technischen Grundlagen verstanden haben, beginnt die eigentliche Reise: das Training Ihres Gaumens. Wie bei Wein geht es bei der Beurteilung von Sake um die Balance der Kernelemente: Süße, Säure, Bitterkeit und Umami. Ein guter Sake ist harmonisch, keiner dieser Eindrücke dominiert unangenehm. Süße im Sake kommt von unvergorenem Zucker und dem Alkohol selbst. Säure, hauptsächlich Milchsäure und Bernsteinsäure, sorgt für Frische und Struktur. Ein gewisses Maß an Bitterkeit kann für Komplexität sorgen, sollte aber nie scharf oder aggressiv sein. Umami verleiht dem Sake Körper, Tiefe und ein langes, befriedigendes Finish.

Ein einfacher Weg, Ihren Gaumen zu schulen, ist der Vergleich verschiedener Sake-Typen. Ein Daiginjo wird sich oft durch eine elegante, leicht süßliche Fruchtigkeit und eine sehr niedrige Säure auszeichnen. Ein Junmai hingegen präsentiert sich meist trockener, mit einer präsenteren Säure und kräftigeren Umami-Noten. Indem Sie diese Profile bewusst wahrnehmen und vergleichen, lernen Sie, die feinen Unterschiede zu erkennen. Achten Sie auf das Mundgefühl: Ist der Sake leicht und wässrig oder voll und cremig? Wie ist der Abgang: kurz und abrupt oder lang und nachklingend? Ein unausgewogener Sake könnte zum Beispiel übermäßig süß ohne ausgleichende Säure sein, oder eine alkoholische Schärfe aufweisen, die nicht gut integriert ist.

Es ist jedoch ein Trugschluss zu glauben, dass Qualität linear mit dem Poliergrad steigt. Wie die Experten von Jsake.de anmerken, ist die Realität komplexer:

Oft wird Junmai Daiginjo Sake als der hochwertigste Sake bezeichnet. Wir glauben jedoch, dass die Qualität von Sake nicht unbedingt an der Reispolierrate oder dem Weglassen von Brauereialkohol gemessen werden sollte

– Jsake.de Redaktion, Sake Typen: Verstehe den Unterschied

Ein gut gemachter Junmai mit 70 % Polierrate kann ein weitaus befriedigenderes und ausgewogeneres Trinkerlebnis bieten als ein schlecht gemachter Daiginjo. Die folgende Tabelle fasst die typischen Geschmacksprofile zusammen und dient als Leitfaden für Ihre Verkostungen.

Geschmacksprofile der wichtigsten Sake-Kategorien
Sake-Typ Geschmacksprofil Säuregrad Süße/Trockenheit
Junmai Vollmundig, kräftig Höhere Säure Trocken bis halbtrocken
Honjozo Leicht, mild Moderate Säure Trocken
Ginjo Fruchtig, blumig Niedrige bis moderate Säure Leicht süßlich
Daiginjo Delikat, komplex Sehr niedrige Säure Elegant trocken

Die Entschlüsselung der Sake-Qualitätspyramide ist der erste Schritt auf einer langen und lohnenden Genussreise. Anstatt sich von japanischen Begriffen einschüchtern zu lassen, nutzen Sie sie als Wegweiser zu neuen Geschmackserlebnissen. Der beste Weg, Ihr Wissen zu vertiefen, ist die Praxis. Besuchen Sie ein Fachgeschäft, lassen Sie sich beraten und wagen Sie den Sprung ins kalte (oder warme) Wasser. Kanpai!

Geschrieben von Dr. Markus Ehlers, Promovierter Oenologe und Weinberater mit 15 Jahren Erfahrung in Mosel und Rheingau. Spezialisiert auf Terroir-Analysen, Reifepotenzial deutscher Prädikatsweine und Kellertechnik.