Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Perfektes Food-Pairing ist keine geheimnisvolle Kunst, sondern die bewusste Anwendung simpler, sensorischer Prinzipien.

  • Säurehaltige Getränke agieren als „Gaumen-Reiniger“ und durchschneiden Fett, was schwere Gerichte leichter wirken lässt.
  • Die Wiederholung eines Schlüsselaromas in Speise und Getränk (Echo-Prinzip) schafft eine tiefere, harmonische Verbindung.
  • Bei süßen Speisen ist die Regel absolut: Das Getränk muss immer mindestens genauso süß oder süßer sein, um nicht sauer zu wirken.

Empfehlung: Analysieren Sie die dominante Geschmackskomponente Ihres Gerichts (Fett, Säure, Aroma) und wählen Sie gezielt ein Getränk, das entweder einen erfrischenden Kontrapunkt setzt oder als aromatisches Echo fungiert.

Jeder Hobbykoch kennt diesen Moment der Unsicherheit: Ein wunderbares Gericht, etwa ein saftiger Braten oder ein cremiges Risotto, steht kurz vor dem Servieren, doch die Frage nach dem perfekten Getränk bleibt unbeantwortet. Man greift vielleicht zu altbekannten Faustregeln – Rotwein zu rotem Fleisch, Weißwein zu Fisch –, doch das Ergebnis fühlt sich oft zufällig an, manchmal sogar disharmonisch. Diese Herangehensweise überlässt eines der wichtigsten Elemente eines gelungenen Essens dem Glück. Viele Menschen sind sich der Grundbausteine ihrer Nahrung bereits sehr bewusst; so achten 66 % der Deutschen immer oder meistens auf den Zuckergehalt und 49 % auf den Fettgehalt ihrer Lebensmittel.

Doch was wäre, wenn die wahre Meisterschaft nicht im Auswendiglernen von starren Regeln liegt, sondern im Verständnis der fundamentalen sensorischen Mechanik? Wenn die Harmonie zwischen Teller und Glas kein Mysterium, sondern angewandte Chemie und Physik des Gaumens ist? Der Schlüssel liegt darin, die dominanten Elemente eines Gerichts – Säure, Fett, Süße, Salz und Aromen – zu identifizieren und sie gezielt mit einem Getränk zu konfrontieren oder zu ergänzen. Es geht darum, eine bewusste Entscheidung zu treffen: Wollen wir einen Kontrast schaffen, der den Gaumen erfrischt, oder eine Harmonie, die das Geschmackserlebnis vertieft?

Dieser Ansatz verwandelt Sie vom passiven Regelbefolger zum aktiven Architekten des Geschmacks. Es ist eine Gaumen-Architektur, bei der Sie lernen, wie Säure Fett neutralisiert, wie Kohlensäure als belebender Pinselstrich wirkt und warum sich manche Aromen im Glas und auf dem Teller gegenseitig verstärken. Sie werden verstehen, warum Ihr trockener Sekt zum Geburtstagskuchen plötzlich metallisch schmeckt und wie Sie selbst zu einem komplexen Steak eine brillante alkoholfreie Begleitung kreieren können.

Um diese Prinzipien zu meistern, werden wir die fundamentalen Interaktionen zwischen Speisen und Getränken Schritt für Schritt entschlüsseln. Dieser Leitfaden bietet Ihnen die Werkzeuge, um zukünftig jede Getränkewahl mit der Sicherheit und Präzision eines Küchenchefs zu treffen.

Wann sollten Sie einen Wein wählen, der das Gegenteil des Essens verkörpert?

Das Prinzip der Kontrapunkt-Harmonie ist eine der wirkungsvollsten Techniken in der Gaumen-Architektur. Es basiert auf der Idee, dass gegensätzliche Geschmacksprofile sich nicht bekämpfen, sondern ausbalancieren und gegenseitig hervorheben können. Anstatt nach Ähnlichkeiten zu suchen, wählt man bewusst ein Getränk, dessen Haupteigenschaft der dominanten Komponente des Gerichts entgegenwirkt. Das klassischste Beispiel ist die Kombination von Säure und Fett. Ein säurebetontes Getränk, wie ein knackiger Riesling oder ein Sauvignon Blanc, hat die Fähigkeit, den fetthaltigen Film, den ein reichhaltiges Gericht wie eine Käsesahnesoße oder frittierter Fisch auf dem Gaumen hinterlässt, förmlich zu durchschneiden. Dieser Effekt wirkt wie ein „Reset“-Knopf für die Geschmacksknospen, macht den nächsten Bissen wieder genauso frisch wie den ersten und verhindert, dass das Gericht als schwer oder überladen empfunden wird.

Ein weiteres starkes Paar ist Süße und Schärfe. Die Schärfe von Chili, wie sie in der asiatischen oder mexikanischen Küche vorkommt, wird durch ein leicht süßes Getränk, beispielsweise einen feinherben Riesling oder einen Gewürztraminer, wunderbar abgefedert. Die Süße im Wein mildert das Brennen des Capsaicins, ohne die komplexen Aromen der Gewürze zu überdecken. Ähnlich funktioniert die Kombination von Salz und Süße. Ein salziger Blauschimmelkäse wie Roquefort, kombiniert mit einem süßen Sauternes oder einer deutschen Beerenauslese, erzeugt eine explosive Harmonie, bei der sich die beiden Extreme zu einem neuen, komplexen Geschmackserlebnis verbinden. Der Schlüssel liegt darin, die dominante Eigenschaft des Gerichts zu identifizieren und mutig einen Partner mit entgegengesetztem Profil zu wählen.

Warum schmeckt der Ziegenkäse von der Loire am besten mit Sancerre?

Das Sprichwort „Was zusammen wächst, gehört zusammen“ ist mehr als nur eine romantische Floskel; es ist ein fundamentaler Pfeiler der kulinarischen Harmonie, der auf dem Prinzip des Terroirs basiert. Terroir beschreibt die Gesamtheit der Umweltfaktoren – Boden, Klima, Topografie und sogar lokale Traditionen –, die den Charakter eines landwirtschaftlichen Produkts prägen. Ein Sancerre, ein Sauvignon Blanc von den kalkhaltigen Böden des Loiretals, und ein lokaler Ziegenkäse wie der Crottin de Chavignol sind das perfekte Beispiel für diese molekulare Synergie. Die Ziegen grasen auf Kräutern, die im selben Boden und unter demselben Klima wachsen wie die Reben. Dies führt zur Ausbildung ähnlicher oder komplementärer Aromaprofile in Käse und Wein. Die mineralischen, grasigen und zitrischen Noten des Sancerre spiegeln und ergänzen die würzige, leicht erdige Säure des Ziegenkäses auf eine Weise, die eine künstlich hergestellte Kombination nur selten erreicht.

Was zusammen wächst, gehört zusammen – diese traditionelle Regel gilt besonders für regionale Wein- und Speisekombinationen.

– Christina Fischer, Wein & Speisen – Fachbuch

Dieses Prinzip lässt sich auf unzählige Regionen in Deutschland und der Welt übertragen. Denken Sie an einen kräftigen Lemberger aus Württemberg zu einem Teller Maultaschen mit einer reichhaltigen Bratensoße oder einen leichten, salzig-mineralischen Albariño aus Galicien zu frisch gegrillten Meeresfrüchten von der Atlantikküste. Es geht darum, eine Verbindung zu schaffen, die über den reinen Geschmack hinausgeht und die Geschichte und den Charakter eines Ortes auf dem Teller und im Glas erzählt.

Visualisierung des Terroir-Prinzips bei Käse und Wein

Wie diese Visualisierung andeutet, teilen Wein und lokale Spezialitäten oft denselben Ursprung, was zu einer natürlichen und tiefen geschmacklichen Harmonie führt. Wenn Sie also das nächste Mal eine regionale Spezialität genießen, fragen Sie nach dem lokalen Wein oder Getränk. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie eine Kombination entdecken, die von Generationen vor Ihnen perfektioniert wurde.

Bubbles gegen Fett: Warum Sekt oder Champagner perfekt zu frittierten Speisen passen

Die Kombination von Schaumwein mit fettigen Speisen ist ein Paradebeispiel für die sensorische Mechanik des Kontrasts. Der Grund, warum ein Glas Sekt, Crémant oder Champagner so wunderbar zu Pommes Frites, Wiener Schnitzel oder frittiertem Hähnchen passt, liegt in der Interaktion von zwei Elementen: Säure und Kohlensäure. Fettige Speisen hinterlassen einen reichen, oft schweren Film auf der Zunge. Die feinen Bläschen (Perlage) des Schaumweins wirken hier wie unzählige kleine Bürsten, die den Gaumen physisch reinigen und diesen Fettfilm auflösen. Gleichzeitig schneidet die typischerweise hohe Säure des Grundweins durch die Reichhaltigkeit und hinterlässt ein Gefühl von Frische und Leichtigkeit. Dieser doppelte Reinigungseffekt verhindert, dass der Gaumen ermüdet, und macht jeden Bissen wieder spannend. Die deutsche Systemgastronomie, in der frittierte Speisen oft einen höheren Fettgehalt als empfohlen aufweisen, bietet ein perfektes Anwendungsfeld für dieses Prinzip, wie eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) andeutet.

Nicht jeder Schaumwein ist jedoch gleich. Die Intensität der Perlage und der Säuregrad sollten auf den Fettgehalt der Speise abgestimmt werden. Ein leichter Prosecco passt gut zu leicht fettigen Speisen, während ein komplexer, in traditioneller Flaschengärung hergestellter Winzersekt oder Champagner die Kraft hat, selbst mit sehr reichhaltigen Gerichten wie einer frittierten Schweinshaxe fertig zu werden. Die folgende Tabelle bietet eine Orientierung für die perfekte Balance.

Kohlensäure-Effekt bei verschiedenen Fettgehalten
Fettgehalt der Speise Empfohlene Perlage Reinigungseffekt
Leicht fettig (15-25%) Prosecco, leichter Sekt Moderate Erfrischung
Mittel fettig (25-35%) Deutscher Winzersekt, Crémant Deutliche Gaumenreinigung
Sehr fettig (>35%) Champagner, traditionelle Flaschengärung Intensive Fettlösung

Diese Kombination ist nicht nur sensorisch brillant, sondern auch psychologisch befriedigend. Sie verbindet den unkomplizierten Genuss von „Comfort Food“ mit der Eleganz und Festlichkeit eines Schaumweins und hebt so beide Komponenten auf ein neues Niveau.

Warum Ihr trockener Sekt zum süßen Kuchen plötzlich sauer und metallisch schmeckt

Dies ist eine der häufigsten und enttäuschendsten Fehlpaarungen, die selbst erfahrene Gastgeber machen. Man möchte auf einen besonderen Anlass anstoßen und serviert einen trockenen (brut) Sekt oder Champagner zum süßen Geburtstagskuchen. Das Ergebnis: Der eben noch köstliche Schaumwein schmeckt plötzlich aggressiv sauer, dünn und oft sogar unangenehm metallisch. Dieses Phänomen ist keine Einbildung, sondern eine vorhersehbare sensorische Reaktion. Die Grundregel lautet: Das Getränk muss immer mindestens genauso süß, idealerweise sogar etwas süßer sein als das Dessert. Wenn die Speise süßer ist als das Getränk, überdeckt die intensive Süße des Kuchens die feine Restsüße im Wein vollständig. Übrig bleiben nur die nackten Strukturelemente des Weins: die Säure und eventuelle Bitterstoffe (Tannine). Ohne den Puffer der eigenen Süße wirken diese Komponenten übertrieben und aggressiv auf den Gaumen, was den sauren und metallischen Eindruck erzeugt.

In Deutschland ist dieses Problem besonders relevant, da entgegen der landläufigen Meinung ein großer Teil der Weine trocken ausgebaut wird. Aktuelle Daten zeigen, dass nur 42,8 % der deutschen Qualitätsweine als trocken klassifiziert sind, was bedeutet, dass eine große Auswahl an halbtrockenen, lieblichen und süßen Weinen zur Verfügung steht, die perfekte Dessertbegleiter wären. Zu einem Obstkuchen passt hervorragend eine Riesling Spätlese, zur Schokoladentorte ein roter Portwein und zu cremigen Desserts eine edelsüße Beerenauslese. Wenn Sie dennoch auf Sekt nicht verzichten möchten, wählen Sie eine süßere Variante wie „halbtrocken“ (demi-sec) oder sogar „mild“ (doux). Diese besitzen genug eigene Süße, um gegen das Dessert zu bestehen und eine harmonische Brücke zu schlagen, anstatt eine geschmackliche Kollision zu verursachen.

Wie begleiten Sie ein Steak geschmackvoll, wenn der Gast keinen Alkohol trinkt?

Die Herausforderung, ein komplexes und kräftiges Gericht wie ein Steak ohne Wein zu begleiten, ist eine hervorragende Übung in kreativer Gaumen-Architektur. Die Lösung liegt nicht darin, einfach Wasser oder eine zuckrige Limonade zu servieren, sondern ein Getränk zu kreieren oder zu finden, das die Funktionen eines guten Rotweins imitiert: Körper, Struktur, komplexe Aromen und eine gewisse Säure oder Bitterkeit, um die Reichhaltigkeit des Fleisches auszubalancieren. Die deutsche Spitzengastronomie ist hier Vorreiter und zeigt, wie es geht. Statt auf Alkohol setzen Köche und Sommeliers auf Fermentation, hochwertige Säfte, Tees und hausgemachte Infusionen, um Tiefe und Spannung zu erzeugen. Ein gutes Beispiel ist die Arbeit von Benjamin Becker im Berliner Restaurant ‚Golvet‘, der Kräuterlimonaden auf Wasserkefir-Basis serviert.

Fallbeispiel: Alkoholfreie Innovation in der deutschen Spitzenküche

Im Kölner Sternerestaurant ‚Ox & Klee‘ geht Sommelier Daniel Gottschlich noch einen Schritt weiter. Als Alternative zu einem kräftigen Rotwein zum Fleischgang kreiert er einen Cocktail aus Dornfelder-Traubensaft, der mit Eukalyptus und einem Hauch Olivenöl verfeinert wird. Der Saft liefert den Körper und die Frucht, Eukalyptus sorgt für eine kühle, kräuterige Komplexität und das Olivenöl fügt eine seidige Textur und eine leichte Bitterkeit hinzu, die an Tannine erinnert. Dieses Beispiel zeigt, dass die alkoholfreie Begleitung nicht als Verzicht, sondern als eigenständige, kreative Disziplin betrachtet werden kann.

Für den Hobbykoch bedeutet das: Denken Sie in Bausteinen. Ein kräftiger, ungesüßter Cranberry- oder Sauerkirschsaft kann die Frucht und Säure eines Weins liefern. Ein Schuss Balsamicoessig fügt Tiefe und eine komplexe Säurestruktur hinzu. Kalt aufgebrühter schwarzer Tee (Cold Brew) bringt Tannine und erdige Noten ins Spiel. Eine Kombination aus Rote-Bete-Saft mit ein paar Tropfen rauchigem Lapsang-Souchong-Tee und einem Rosmarinzweig kann eine erstaunlich komplexe und befriedigende Begleitung zu gegrilltem Fleisch sein.

Kreative alkoholfreie Getränkebegleitung zu Steak

Die Möglichkeiten sind endlos, sobald man aufhört, in reinen Wein-Kategorien zu denken, und stattdessen die zugrundeliegenden sensorischen Prinzipien auf andere Flüssigkeiten anwendet.

Warum passt ein säurehaltiger Drink perfekt zu fiesem Braten oder Käse?

Ein fettreicher Sonntagsbraten, ein opulentes Käsefondue oder eine Platte mit cremigem Camembert – all diese Genüsse haben eines gemeinsam: Sie hinterlassen ein Gefühl von Sättigung und Reichhaltigkeit auf dem Gaumen, das schnell in Schwere umschlagen kann. Hier kommt Säure als wichtigster Verbündeter des Kochs ins Spiel. Ein säurebetontes Getränk wirkt wie ein Scheinwerfer, der durch den Nebel der Fette schneidet. Die sensorische Funktion der Säure ist es, die Fettmoleküle auf der Zunge zu emulgieren und wegzuspülen. Dieser Prozess hat zwei entscheidende Vorteile: Erstens wird das Gericht subjektiv als leichter und bekömmlicher empfunden. Zweitens wird der Gaumen neutralisiert und für den nächsten Bissen vorbereitet, wodurch die Aromen des Essens bis zum Schluss klar und deutlich wahrnehmbar bleiben. Ohne diesen säurehaltigen Kontrapunkt würden die Geschmacksknospen schnell von der Fettschicht überdeckt und „abstumpfen“.

Die Wahl des säurehaltigen Getränks hängt von der Art und Intensität des Gerichts ab. Zu einem Schweinebraten mit Kruste passt ein knackiger Silvaner aus Franken oder ein Glas Apfelwein. Ein cremiges Käsegericht harmoniert wunderbar mit einem Weissburgunder oder einem trockenen Riesling. Selbst alkoholfreie Optionen wie eine hausgemachte Zitronen-Ingwer-Limonade oder ein spritziger, ungesüßter Apfelsaft (Schorle) können diese wichtige Funktion erfüllen. Entscheidend ist, dass die Säure präsent und lebendig ist, aber nicht so dominant, dass sie die Aromen des Essens überlagert. Es ist ein Tanz auf dem schmalen Grat der Balance, der, einmal gemeistert, jedes reichhaltige Gericht in einen leichten, eleganten Genuss verwandelt.

Ihr Aktionsplan: Säure-Fett-Balance meistern

  1. Fettgehalt einschätzen: Beurteilen Sie Ihr Gericht. Ist es leicht fettig (z.B. Hähnchen mit Haut), mittel (z.B. Bratensoße) oder sehr fettig (z.B. Käsefondue)?
  2. Säureintensität wählen: Je fetter die Speise, desto höher sollte der Säuregehalt des Getränks sein. Ein leichter Weißwein für das Hähnchen, ein kräftiger Riesling für das Fondue.
  3. Temperatur beachten: Kalte, säurehaltige Getränke verstärken den erfrischenden, reinigenden Effekt. Servieren Sie Weißwein oder Schorle gut gekühlt.
  4. Kohlensäure als Verstärker nutzen: Bei besonders schweren oder frittierten Speisen ist ein Getränk mit Kohlensäure (Sekt, Mineralwasser) die erste Wahl, da sie den Reinigungseffekt der Säure mechanisch unterstützt.
  5. Balance testen: Das Getränk sollte den Gaumen erfrischen, aber nicht die Speise dominieren. Der Geschmack des Essens muss im Vordergrund bleiben.

Wie passt ein Gin mit Rosmarin perfekt zum Lamm mit Rosmarinkruste?

Diese Kombination ist ein Paradebeispiel für das Echo-Prinzip in seiner reinsten Form. Das Lamm wird mit Rosmarin gewürzt, einem Kraut mit einem intensiven, harzig-holzigen Aroma. Wenn man dazu einen Gin Tonic serviert, der mit einem Gin destilliert wurde, der Rosmarin als eines seiner Botanicals verwendet, und ihn zusätzlich mit einem frischen Rosmarinzweig garniert, passiert etwas Magisches. Das Rosmarinaroma auf dem Teller wird vom Rosmarinaroma im Glas „erkannt“ und aufgenommen. Statt zwei separater Geschmackseindrücke verschmelzen sie zu einem einzigen, intensivierten und harmonischen Erlebnis. Diese Aromabrücke schafft eine nahtlose Verbindung, die das Gericht und das Getränk wie füreinander geschaffen erscheinen lässt. Es ist, als würde man ein Thema in einem Musikstück in verschiedenen Instrumenten wiederholen – die Melodie bleibt dieselbe, aber die Erfahrung wird reicher und vielschichtiger.

Dieses Prinzip funktioniert mit unzähligen Aromen. Ein Gericht mit Zitronengras wird durch ein belgisches Witbier mit seinen Koriander- und Zitrusschalennoten wunderbar ergänzt. Ein Dessert mit Vanille harmoniert perfekt mit einem im Eichenfass gereiften Rum, der ebenfalls Vanillenoten aufweist. Die Berliner Barszene experimentiert intensiv mit diesem Konzept. Elias Heintz vom ‚Bonvivant‘ Cocktail Bistro beschreibt die Suche nach der perfekten Aromenverdopplung:

Wir arbeiten mit verschiedenen Pairing-Arten. Beim Echo-Prinzip verstärken wir bewusst Aromen. Ein Drink mit Douglasie-infusioniertem Apfelbrand zu einem Gericht mit Tannennadelpulver schafft eine harmonische Aromenverdopplung. Aber Vorsicht: Manchmal passt es innerhalb eines Nachmittags, manchmal verwerfen wir ganze Konzepte.

– Elias Heintz, Bar Convent Berlin Blog

Der Schlüssel liegt darin, ein dominantes, aber nicht überwältigendes Aroma im Gericht zu identifizieren und gezielt nach einem Getränk zu suchen, das genau diese Note ebenfalls enthält. Dies erfordert ein wenig Detektivarbeit und Kenntnis der Zutaten, aber das Ergebnis ist eine tiefgreifende und unvergessliche Harmonie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kontrast belebt: Säure (Wein, Zitrusschorle) schneidet durch Fett (Braten, Käse) und reinigt den Gaumen. Dies macht schwere Gerichte leichter und bekömmlicher.
  • Harmonie vertieft: Das Wiederholen eines Schlüsselaromas in Speise und Getränk (Echo-Prinzip) schafft eine nahtlose, intensive Geschmackserfahrung.
  • Süße braucht Süße: Die wichtigste Regel für Desserts ist unumstößlich. Das Getränk muss immer süßer als die Speise sein, um nicht sauer und unangenehm zu wirken.

Echo-Prinzip: Wie steigern Sie das Erlebnis, indem sich Aromen im Glas und auf dem Teller wiederholen?

Das Echo-Prinzip, auch als harmonisches oder komplementäres Pairing bekannt, ist die zweite große Säule der Gaumen-Architektur neben dem Kontrast. Statt auf Gegensätze zu setzen, sucht man hier nach Gemeinsamkeiten. Das Ziel ist es, eine Aromabrücke zwischen dem Gericht und dem Getränk zu schlagen, indem man ein oder mehrere Schlüsselaromen auf beiden Seiten wiederholt. Diese Resonanz führt zu einer Verstärkung und Vertiefung des gesamten Geschmackserlebnisses. Der Pionier des modernen Food-Pairings, Heiko Antoniewicz, fasst die Idee prägnant zusammen: Es geht darum, „gleiche und ähnliche Aromen in Lebensmitteln zu erkennen, zu analysieren und dann wieder miteinander zu vermengen“. Dieser Ansatz verwandelt die Kombination von Essen und Trinken von einer einfachen Begleitung in ein integriertes, ganzheitliches Erlebnis.

Food Pairing ist dazu ausgerichtet, gleiche und ähnliche Aromen in Lebensmitteln zu erkennen, zu analysieren und dann wieder miteinander zu vermengen.

– Heiko Antoniewicz, Aromen- und Food-Pairing Kochkurs

Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig und oft überraschend. Ein erdiger Spätburgunder (Pinot Noir) kann die Umami-Noten eines Pilzrisottos wunderbar aufgreifen. Ein Lapsang Souchong Tee, der über Kiefernholz geräuchert wird, ist ein unglaublicher Partner zu geräuchertem Fleisch oder Fisch, da er deren Raucharomen spiegelt und intensiviert. Sogar ein dunkles Malzbier kann mit seinen röstigen, leicht süßlichen Noten ein Echo zu den Röstaromen eines Schmorbratens oder den erdigen Tönen von Linsen- und Wurzelgemüsegerichten erzeugen. Die folgende Tabelle zeigt einige erfolgreiche Beispiele aus der deutschen Küche.

Diese Analyse erfolgreicher Aroma-Echos zeigt, wie gezielte Wiederholungen das Geschmackserlebnis vertiefen können.

Erfolgreiche Aroma-Echos in der deutschen Küche
Gericht Getränk Gemeinsames Aroma Effekt
Sauerbraten mit Wacholder Monkey 47 Gin Wacholdernoten Verstärkung der Würze
Geräuchertes Fleisch Lapsang Souchong Tee Raucharomen Intensivierung des Rauchgeschmacks
Pilzrisotto Malzbier Erdige Umami-Noten Vertiefung der Geschmacksebene

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, aufmerksam zu schmecken und zu riechen. Identifizieren Sie die prägnantesten Aromen in Ihrem Gericht – sei es eine Kräuternote, eine Fruchtkomponente, ein Röstaroma oder eine erdige Nuance – und suchen Sie dann gezielt nach einem Getränk, das diese Note in sich trägt. Das Ergebnis ist eine tiefgehende, fast schon intellektuelle Art des Genusses, die weit über das bloße Stillen von Hunger und Durst hinausgeht.

Häufige Fragen zur Harmonie von Speisen und Getränken

Warum schmeckt trockener Wein zu süßen Desserts metallisch?

Die Süße im Dessert maskiert die wenige Restsüße im Wein, wodurch Säure und Bitterkeit dominieren und einen metallischen Eindruck erzeugen.

Welche Süßegrad-Regel gilt für Desserts?

Der Wein sollte mindestens genauso süß oder etwas süßer als das Dessert sein, um harmonisch zu wirken.

Gibt es Alternativen zu Süßweinen bei Desserts?

Schaumweine mit ihrer Perlage können durch die Kohlensäure den Gaumen erfrischen und zu weniger süßen Desserts passen. Wichtig ist aber auch hier, eine süßere Variante (z.B. halbtrocken) zu wählen, um die Süße-Regel nicht zu verletzen.

Geschrieben von Sophie Weber, IHK-geprüfte Sommelière und Restaurantleiterin. Expertin für Food-Pairing, Glaswarenkunde, Tischkultur und alkoholfreie Menübegleitungen.