
Geschmack ist mehr als das, was die Zunge schmeckt. Die wahre Komplexität eines Getränks offenbart sich erst durch seine Textur – eine Dimension, die oft übersehen, aber vom Gehirn entscheidend bewertet wird.
- Adstringenz ist keine Geschmacksrichtung, sondern ein physikalischer Reibungseffekt, der durch die Reaktion von Tanninen mit Proteinen im Speichel entsteht.
- Die Viskosität (Dichte) und Perlage (Prickeln) eines Getränks werden durch chemische Zusammensetzung und physikalische Gesetze bestimmt, nicht nur durch die Zutaten.
Empfehlung: Beginnen Sie, Getränke nicht nur zu schmecken, sondern bewusst zu „fühlen“, um ihre Struktur und Qualität vollständig zu entschlüsseln.
Sie nehmen einen Schluck Rotwein und Ihr Mund fühlt sich plötzlich trocken und pelzig an. Oder Sie genießen ein Glas Champagner und die feinen Bläschen tanzen fast elektrisierend auf der Zunge. Diese Empfindungen sind kein Zufall und auch keine reinen Geschmacksnoten wie süß, sauer, salzig oder bitter. Es handelt sich um das Mundgefühl: die taktile, physische Wahrnehmung eines Getränks, die von unserem Gehirn oft unbewusst, aber entscheidend für die Bewertung von „lecker“ oder „nicht lecker“ herangezogen wird.
Viele Verkoster konzentrieren sich auf Aromen und den reinen Geschmack. Doch die wahre Meisterschaft liegt im Verständnis der Textur. Diese Wahrnehmungen – von adstringierend über ölig bis hin zu prickelnd – sind das Resultat komplexer physikalischer und chemischer Prozesse. Man spricht hier von der trigeminalen Wahrnehmung, einem Sinnessystem, das für Druck, Textur und Temperatur im Mund verantwortlich ist. Es ist diese unterschätzte Dimension, die einem Getränk Struktur, Gewicht und Charakter verleiht.
Doch wenn die wahre Qualität nicht nur im Geschmack, sondern im Gefühl liegt, wie können wir diese Texturen entschlüsseln? Die Antwort liegt in der Rheologie, der Wissenschaft vom Fließverhalten von Materie. Anstatt also nur zu fragen, *was* wir schmecken, fragen wir als Textur-Forscher: *Warum* fühlt es sich so an? Dieser Artikel ist eine Expedition in die Mechanismen hinter dem Mundgefühl. Wir werden die Wissenschaft hinter dem pelzigen Gefühl von Tanninen, der unterschiedlichen Perlage von Schaumweinen und der wärmenden Wirkung von Alkohol erforschen.
Dieser Leitfaden deckt die physikalischen Grundlagen auf, die das taktile Erlebnis im Mund steuern. Wir untersuchen die entscheidenden Faktoren von der Adstringenz bis zur Viskosität und zeigen, wie selbst die Form des Glases die Wahrnehmung drastisch verändern kann. Machen Sie sich bereit, Getränke auf eine völlig neue, tiefere Weise zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis: Die Physik des Geschmacks
- Warum machen manche Rotweine den Mund pelzig und ist das gut?
- Warum fühlt sich Sekt anders an als Champagner oder Prosecco?
- Wann ist das Brennen des Alkohols angenehm wärmend und wann spritsig scharf?
- Was bedeutet es, wenn ein Wein als „ölig“ oder „dicht“ beschrieben wird?
- Wie verändert die Kälte die Wahrnehmung von Textur und Viskosität?
- Warum schmeckt ein Bier mit hoher Stammwürze oft „klebriger“ oder „satter“?
- Warum hat Stout oft diesen cremigen, dichten Schaum und wie beeinflusst das die Textur?
- Welches Glas für Riesling oder Spätburgunder: Wie die Form den Geschmack um 30% verändert
Warum machen manche Rotweine den Mund pelzig und ist das gut?
Das als „pelzig“ oder „trocken“ empfundene Gefühl im Mund nach einem Schluck kräftigen Rotweins ist eines der bekanntesten Beispiele für Mundgefühl. Diese Empfindung, wissenschaftlich als Adstringenz bezeichnet, ist keine Geschmacksrichtung, sondern eine taktile Wahrnehmung. Sie entsteht, wenn Tannine – eine Gruppe von Polyphenolen, die in Traubenschalen, Kernen und Stielen vorkommen – mit den Proteinen in unserem Speichel, den Mucinen, reagieren. Diese Reaktion entzieht dem Speichel seine Gleitfähigkeit, was zu einer erhöhten Reibung zwischen Zunge und Gaumen führt. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Tannine die Mucine in der Mundschleimhaut binden und so die Reibung spürbar erhöhen.
Aber ist dieses Gefühl gut oder schlecht? Die Antwort liegt in der Qualität und Struktur der Tannine. Grobe, „grüne“ oder unreife Tannine fühlen sich aggressiv, bitter und unangenehm rau an. Reife, gut entwickelte Tannine hingegen erzeugen ein feines, fast seidiges Gefühl, das dem Wein Struktur, Komplexität und ein langes Alterungspotenzial verleiht. Es ist ein Zeichen für einen gut gemachten Wein, der in der Lage ist, mit der Zeit weicher und runder zu werden.
Fallbeispiel: Die Tanninstruktur von deutschem Spätburgunder vs. italienischem Barolo
Die Qualität der Adstringenz hängt stark von der Vinifikation ab. Bei einem deutschen Spätburgunder wird oft eine schonende Weinbereitung mit kürzeren Maischestandzeiten bevorzugt. Dies führt zur Bildung von physikalisch längeren und stabileren Tannin-Polymerketten. Diese langen Ketten werden auf der Zunge als feiner und weicher wahrgenommen. Im Gegensatz dazu kann ein junger Barolo aus der Nebbiolo-Traube, der für seine intensive Tanninstruktur bekannt ist, anfangs sehr rau wirken. Erst durch jahrelange Flaschenreifung polymerisieren die Tannine zu längeren Ketten, was das Mundgefühl von aggressiv zu samtig verwandelt. Dies zeigt, dass nicht die Menge, sondern die molekulare Struktur der Tannine über die Qualität der Adstringenz entscheidet.
Die Adstringenz lässt sich zudem gezielt durch Speisen beeinflussen. Fett- und proteinreiche Speisen wie ein saftiges Steak oder ein Stück Hartkäse binden die Tannine, wodurch der Wein im Mund sofort weicher und zugänglicher wirkt. Zucker und Fett können das Trockenheitsgefühl mildern, während Salz es tendenziell verstärken kann. Die Kombination von Rotwein und Käse ist daher nicht nur ein kulinarischer Klassiker, sondern auch eine chemische Meisterleistung, um die Textur auszugleichen.
Warum fühlt sich Sekt anders an als Champagner oder Prosecco?
Das Prickeln von Schaumwein ist weit mehr als nur Kohlensäure. Die Größe, Geschwindigkeit und Beständigkeit der Bläschen – die sogenannte Perlage – hat einen enormen Einfluss auf das Mundgefühl und unterscheidet einen einfachen Sekt fundamental von einem hochwertigen Champagner. Der Unterschied liegt primär in der Herstellungsmethode, die bestimmt, wie die Kohlensäure in den Wein gelangt und sich dort verhält.
Champagner und hochwertige deutsche Winzersekte werden nach der „méthode traditionelle“ (traditionelle Flaschengärung) hergestellt. Hier findet die zweite Gärung, bei der die Kohlensäure entsteht, direkt in der Flasche statt. Über Monate oder Jahre reift der Wein auf der Hefe, was dazu führt, dass sich die Kohlensäure sehr langsam und fein in die Flüssigkeit integriert. Das Ergebnis sind winzige, langlebige Bläschen, die im Glas in eleganten Ketten aufsteigen. Im Mund erzeugen sie ein cremiges, fast kitzelndes Gefühl, das als sehr raffiniert empfunden wird.
Die Art und Weise, wie Blasen entstehen, hängt von winzigen Unregelmäßigkeiten im Glas ab, den sogenannten Nukleationspunkten. Je feiner die gelöste Kohlensäure, desto zarter die Perlage, die an diesen Punkten entsteht.

Prosecco und viele einfache Sekte hingegen werden meist im Tankgärverfahren (Méthode Charmat) produziert. Die zweite Gärung findet in großen Edelstahltanks statt. Dieser Prozess ist schneller und kostengünstiger, führt aber dazu, dass die Kohlensäure weniger fein gebunden wird. Die Bläschen sind typischerweise größer, aggressiver und verfliegen schneller. Das Mundgefühl ist dadurch oft schäumender und rustikaler als bei einem in der Flasche gegorenen Schaumwein. Es ist also nicht die Menge der Kohlensäure, sondern ihre physikalische Integration in den Wein, die den entscheidenden texturgebenden Unterschied macht.
Wann ist das Brennen des Alkohols angenehm wärmend und wann spritsig scharf?
Das Gefühl von Wärme, das sich nach einem Schluck eines hochprozentigen Getränks ausbreitet, ist eine direkte Reaktion unseres Körpers auf Ethanol. Alkohol reizt die gleichen Nervenrezeptoren (TRPV1-Rezeptoren), die auch auf Hitze reagieren, weshalb unser Gehirn das Signal als „warm“ interpretiert. Doch nicht jedes alkoholische Brennen ist gleich. Die Wahrnehmung reicht von einer sanften, angenehmen Wärme bis zu einem scharfen, stechenden und „spritigen“ Gefühl, das oft als Qualitätsmangel empfunden wird.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Integration und der Art des Alkohols. In einem gut ausbalancierten Wein, einem gereiften Whisky oder einem feinen Brand ist der Ethanol harmonisch in die Gesamtstruktur aus Aromen, Säure und Süße eingebettet. Er trägt zur Viskosität und zum Körper bei und erzeugt eine wohlige Wärme im Abgang. Ein „spritiges“ Brennen hingegen deutet oft auf unausgewogenen oder „freien“ Alkohol hin. Dies kann bei jungen, ungereiften Destillaten der Fall sein oder wenn der Alkoholgehalt nicht durch ausreichend Körper und Aromatik ausbalanciert wird.
Zudem spielen sogenannte höhere Alkohole (Fuselöle) eine Rolle, die bei der Gärung als Nebenprodukte entstehen können. In geringen Mengen tragen sie zur Aromakomplexität bei, in höheren Konzentrationen führen sie jedoch zu einem kratzigen, scharfen und unangenehmen Geschmack. Die Qualität der Destillation und Gärführung ist hier entscheidend, um diese unerwünschten Komponenten zu minimieren. Ein „scharfes“ Brennen ist also oft ein Zeichen für unsaubere Herstellung oder mangelnde Reifung.
Die Brennbarkeit der Alkohole hängt von der Siedetemperatur ab. Je niedriger die Siedetemperatur, desto mehr Dämpfe entstehen.
– LEIFIchemie, Die Eigenschaften der Alkohole
Diese Eigenschaft erklärt, warum leichtflüchtiger, schlecht integrierter Alkohol schneller in der Nase und am Gaumen als „scharf“ wahrgenommen wird, während gut eingebundener Alkohol seine wärmende Wirkung langsamer und sanfter entfaltet.
Was bedeutet es, wenn ein Wein als „ölig“ oder „dicht“ beschrieben wird?
Die Begriffe „ölig“, „dicht“, „viskos“ oder „vollmundig“ beschreiben die Textur eines Weins, die durch seine Zähflüssigkeit bestimmt wird. Die Viskosität ist ein Maß für den inneren Widerstand einer Flüssigkeit gegen das Fließen. Ein Wein mit hoher Viskosität fühlt sich im Mund schwerer, runder und reicher an, während ein Wein mit niedriger Viskosität leicht, schlank und wässrig wirkt. Mehrere Faktoren tragen zu diesem Gefühl bei, allen voran Alkohol, Zucker und Extrakt.
Alkohol, insbesondere Ethanol, ist zähflüssiger als Wasser. Ein höherer Alkoholgehalt führt daher in der Regel zu einem viskoseren Mundgefühl. Besonders interessant ist, dass Alkohol-Wasser-Mischungen ein Maximum der Viskosität bei bestimmten Mischungsverhältnissen zeigen. Das bedeutet, die Viskosität steigt nicht linear mit dem Alkoholgehalt, was die Komplexität des Mundgefühls erklärt. Auch unvergorener Restzucker, wie er in Süßweinen vorkommt, erhöht die Dichte und verleiht dem Wein ein fast sirupartiges Gefühl. Ebenso trägt der Gehalt an Glycerin, einem Nebenprodukt der Gärung, maßgeblich zur Viskosität bei.
Fallbeispiel: Das Phänomen der „Kirchenfenster“ im Weinglas
Ein sichtbares Zeichen für die Viskosität eines Weins sind die sogenannten „Kirchenfenster“ oder „Schlieren“, die nach dem Schwenken an der Glasinnenseite herunterlaufen. Dieses Phänomen wird durch den Marangoni-Effekt erklärt. Alkohol verdunstet schneller als Wasser und hat eine geringere Oberflächenspannung. Beim Schwenken benetzt der Wein das Glas. Der Alkohol im dünnen Flüssigkeitsfilm verdunstet, wodurch die Oberflächenspannung in diesem Bereich ansteigt. Diese höhere Spannung zieht mehr Wein aus dem Glas nach oben. Die Schwerkraft lässt diesen angesammelten, nun wässrigeren und viskoseren Wein in dicken Tropfen oder Schlieren (den Kirchenfenstern) wieder nach unten fließen. Je langsamer und ausgeprägter diese Schlieren sind, desto höher ist in der Regel der Gehalt an Alkohol und Glycerin – und desto öliger und dichter wird der Wein im Mund empfunden.
Ein öliger oder dichter Wein ist oft ein Zeichen von Reife und Konzentration. Er signalisiert, dass die Trauben voll ausgereift waren und der Wein einen hohen Extraktgehalt besitzt. Diese Textur kann sehr angenehm sein und zu einem langen, samtigen Abgang beitragen.
Wie verändert die Kälte die Wahrnehmung von Textur und Viskosität?
Die Temperatur, bei der ein Getränk serviert wird, ist kein bloßes Detail, sondern ein mächtiges Werkzeug, das die Wahrnehmung von Aroma, Geschmack und vor allem Textur dramatisch verändert. Kälte wirkt sich direkt auf die physikalischen Eigenschaften einer Flüssigkeit aus und beeinflusst, wie wir sie im Mund empfinden.
Der offensichtlichste Effekt betrifft die Viskosität. Wenn eine Flüssigkeit abkühlt, bewegen sich ihre Moleküle langsamer und rücken näher zusammen. Dies erhöht den inneren Fließwiderstand, die Flüssigkeit wird also zähflüssiger. Ein gekühlter Weißwein fühlt sich daher im Mund oft frischer und straffer an, während derselbe Wein bei Zimmertemperatur breiter und öliger wirken kann. Diese erhöhte Viskosität durch Kälte kann ein Gefühl von Fülle und Gewicht erzeugen, auch bei Weinen mit geringerem Alkoholgehalt.
Gleichzeitig beeinflusst Kälte unsere Geschmackswahrnehmung. Kalte Temperaturen dämpfen die Wahrnehmung von Süße. Ein halbtrockener Riesling schmeckt gut gekühlt erfrischend und knackig, während er bei höherer Temperatur schnell als zu süß oder „klebrig“ empfunden werden kann. Umgekehrt werden Säure, Bitterkeit und Adstringenz durch Kälte betont. Ein tanninreicher Rotwein, der zu kalt serviert wird, kann unangenehm herb und adstringierend wirken, da die Kälte die raue Textur der Tannine hervorhebt. Aus diesem Grund werden leichte Rotweine nur leicht gekühlt und kräftige Rotweine bei „Kellertemperatur“ (ca. 16-18 °C) genossen.

Auch die Perlage von Schaumweinen wird von der Temperatur beeinflusst. In einem kälteren Wein löst sich Kohlensäure besser, was zu einer feineren und länger anhaltenden Perlage führt. Ein zu warmer Sekt hingegen verliert seine Kohlensäure schnell und wirkt schal. Die ideale Serviertemperatur ist also immer ein Kompromiss: kühl genug, um Frische und Struktur zu bewahren, aber warm genug, um die Aromen nicht zu unterdrücken und die Textur nicht unangenehm zu verzerren.
Warum schmeckt ein Bier mit hoher Stammwürze oft „klebriger“ oder „satter“?
Bierliebhaber sprechen oft vom „Körper“ eines Bieres, und ein wesentlicher Faktor dafür ist die Stammwürze. Die Stammwürze bezeichnet den Anteil der aus dem Malz und Hopfen gelösten, nichtflüchtigen Stoffe in der Bierwürze vor der Gärung. Dazu gehören hauptsächlich Zucker, aber auch Proteine, Vitamine und Mineralstoffe. Während der Gärung wandelt die Hefe einen Großteil des Zuckers in Alkohol und Kohlensäure um. Doch nicht alles wird vergoren.
Der verbleibende Anteil an unvergorenen Zuckern und anderen Stoffen wird als Restextrakt bezeichnet. Genau dieser Restextrakt ist für das „klebrige“, „satte“ oder „malzige“ Mundgefühl verantwortlich, das Biere mit hoher Stammwürze oft auszeichnet. Je höher die ursprüngliche Stammwürze, desto höher ist in der Regel auch der Restextrakt, da die Hefe bei sehr hohen Konzentrationen oft nicht mehr den gesamten Zucker vergären kann. Dieser Restextrakt erhöht die Viskosität des Bieres und verleiht ihm ein volleres, fast schon sirupartiges Gefühl auf der Zunge.
Starkbiere wie Bock oder Doppelbock sind klassische Beispiele. Sie haben per Definition einen hohen Stammwürzegehalt, der für ihren wuchtigen Körper und die oft intensive Süße sorgt.
Starkbier besitzt einen Alkoholgehalt von mindestens 6,5 Prozent. Der Stammwürzgehalt liegt bei mehr als 16 Prozent.
– Testbericht.de, Bier Test: Die besten Sorten im Check
Im Gegensatz dazu haben leichte Biere wie ein Pils oder ein Helles eine niedrigere Stammwürze und einen höheren Vergärungsgrad. Sie enthalten weniger Restextrakt, was zu einem schlankeren, trockeneren und erfrischenderen Mundgefühl führt. Die wahrgenommene Textur eines Bieres ist also eine direkte Folge des Verhältnisses zwischen dem, was vergoren wurde (Alkohol), und dem, was übrig geblieben ist (Restextrakt).
Warum hat Stout oft diesen cremigen, dichten Schaum und wie beeinflusst das die Textur?
Wer einmal ein frisch gezapftes Guinness oder ein anderes Nitro Stout genossen hat, kennt den faszinierenden Kaskadeneffekt im Glas und den unglaublich dichten, cremigen und stabilen Schaum. Dieser Schaum ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten technischen Entscheidung: der Verwendung von Stickstoff (Nitrogen) anstelle von reiner Kohlensäure (CO2) zum Zapfen.
Der Schlüssel liegt in den unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften der beiden Gase. Stickstoff ist wesentlich schlechter in Flüssigkeiten löslich als CO2. Wenn das Bier unter hohem Druck gezapft wird, wird das gelöste Gasgemisch (typischerweise 70% Stickstoff, 30% CO2) durch eine spezielle Platte mit winzigen Löchern gepresst. Da der Stickstoff so schnell wie möglich aus der Lösung entweichen will, bildet er eine riesige Anzahl extrem kleiner Bläschen. CO2-Bläschen sind im Vergleich dazu viel größer.
Diese winzigen Stickstoffbläschen schaffen einen Schaum, der so dicht ist, dass er fast wie eine feste Schicht auf dem Bier liegt. Er ist langlebig und hinterlässt beim Trinken die charakteristischen „Spuren“ am Glasrand. Dieser Schaum ist nicht nur optisch ansprechend, er wird zu einem integralen Bestandteil des Mundgefühls. Wenn man durch diese cremige Schicht trinkt, verändert sie die Textur des darunterliegenden Bieres. Das Bier selbst wirkt dadurch weicher, runder und weniger kohlensäurebetont. Die aggressive Spritzigkeit von CO2 wird durch das samtige Gefühl des Stickstoffschaums ersetzt.
Die Verwendung von geröstetem, unvermälztem Gerstenmalz in vielen Stouts trägt ebenfalls zur Schaumstabilität bei, da die enthaltenen Proteine die Bläschen zusätzlich stabilisieren. Das cremige Mundgefühl eines Stouts ist also eine meisterhafte Kombination aus der Wahl des Gases und der Zusammensetzung der Zutaten – ein perfektes Beispiel dafür, wie die Textur eines Getränks gezielt manipuliert werden kann, um ein einzigartiges sensorisches Erlebnis zu schaffen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Mundgefühl ist eine taktile Wahrnehmung (trigeminale Reizung), die durch physikalische Eigenschaften wie Reibung, Viskosität und Druck entsteht.
- Die Qualität von Texturen wie Adstringenz (Tannine) oder Perlage (Bläschen) hängt von molekularen Strukturen und physikalischen Prozessen ab, nicht nur von der Menge.
- Faktoren wie Temperatur und die Form des Glases sind keine Nebensache, sondern mächtige Werkzeuge, um das Mundgefühl gezielt zu steuern und zu optimieren.
Welches Glas für Riesling oder Spätburgunder: Wie die Form den Geschmack um 30% verändert
Die Behauptung, dass die Form eines Weinglases den Geschmack um bis zu 30 % verändern kann, mag übertrieben klingen, doch sie hat einen soliden physikalischen Hintergrund. Das Glas ist nicht nur ein Behälter, sondern ein präzises Werkzeug, das steuert, wie wir ein Getränk wahrnehmen – sowohl olfaktorisch (Aroma) als auch taktil (Mundgefühl). Die Form des Glases beeinflusst gezielt, wie der Wein auf die Zunge trifft und wie sich die Aromen in der Nase entfalten.
Nehmen wir als Beispiel einen deutschen Riesling. Ein typisches Riesling-Glas ist hoch, schlank und hat eine kleine Öffnung. Diese Form hat mehrere Funktionen. Der schmale Kelch bewahrt die feinen, flüchtigen Aromen von Zitrusfrüchten und Blüten und konzentriert sie zur Nase hin. Noch wichtiger für das Mundgefühl: Die kleine Öffnung zwingt uns, den Kopf beim Trinken leicht nach hinten zu neigen. Dadurch trifft der Wein zuerst auf die Zungenspitze, wo unsere Rezeptoren für Süße am empfindlichsten sind. Dies balanciert die hohe Säure des Rieslings perfekt aus und betont seine Fruchtigkeit.
Ein Spätburgunder (Pinot Noir) hingegen benötigt ein völlig anderes Glas: eines mit einem breiten, bauchigen Kelch und einer weiten Öffnung. Der große Bauch maximiert die Oberfläche des Weins und fördert den Kontakt mit Sauerstoff. Dies hilft, die komplexen Aromen von roten Früchten, Erde und Gewürzen freizusetzen und die Tannine weicher zu machen. Die weite Öffnung leitet den Wein breit in den Mund, sodass er die gesamte Zunge benetzt. Dadurch werden die vielschichtigen Aromen und die seidige Textur des Weins in den Vordergrund gestellt, anstatt nur die Säure oder Frucht zu betonen.
Ihr Plan zur Überprüfung Ihrer Gläser
- Bestandsaufnahme: Listen Sie alle verschiedenen Glastypen auf, die Sie besitzen (z. B. Bordeauxglas, Burgunderglas, Standard-Weißweinglas, Sektflöte).
- Zuordnung: Ordnen Sie jedem Glastyp die Weine oder Getränke zu, für die Sie ihn typischerweise verwenden.
- Vergleichstest: Verkosten Sie denselben Wein (z. B. einen Spätburgunder) aus zwei fundamental unterschiedlichen Gläsern (z. B. Burgunder- vs. Rieslingglas). Notieren Sie die Unterschiede in Aroma und Mundgefühl (Breite, Textur, Säurewahrnehmung).
- Analyse der Form: Bewerten Sie, wie die Form jedes Glases den Flüssigkeitsstrom lenkt. Trifft der Wein auf die Zungenspitze oder breit in die Mitte? Wie stark wird das Aroma konzentriert?
- Optimierung: Identifizieren Sie Lücken in Ihrer Sammlung. Fehlt ein entscheidendes Glas für Ihren Lieblingswein, um sein volles Potenzial auszuschöpfen? Ersetzen oder ergänzen Sie Ihre Auswahl gezielt.
Häufig gestellte Fragen zum Mundgefühl
Beeinflusst die Glasform wirklich das Mundgefühl?
Ja, maßgeblich. Die Form des Glases bestimmt, wie schnell der Wein fließt und auf welchen Teil der Zunge er zuerst trifft, was die Wahrnehmung von Süße, Säure und Textur verändert. Die Viskosität beschreibt die Fließgeschwindigkeit eines Stoffes und wird durch die Form des Glases beeinflusst.
Warum sind bauchige Gläser besser für tanninreiche Weine?
Ein bauchiger Kelch vergrößert die Oberfläche des Weins und fördert den Kontakt mit Sauerstoff. Diese Belüftung hilft, die Tanninmoleküle zu „glätten“ und die Adstringenz weicher und runder erscheinen zu lassen. Tanninreiche Rebsorten wie Cabernet Sauvignon oder Nebbiolo neigen von Natur aus zu höherer Adstringenz und profitieren daher besonders von dieser Glasform.
Welche Rolle spielt die Temperatur des Glases?
Die Temperatur des Glases beeinflusst die des Weins und damit direkt die Wahrnehmung. Ein wichtiger physikalischer Aspekt ist die Oberflächenspannung. Die Oberflächenspannung von Ethanol (22,55 dyn/cm) unterscheidet sich stark von Wasser (72,75 dyn/cm), was die Benetzung des Glases und die Verdunstung der Aromen beeinflusst. Kälte erhöht die Viskosität und betont die Säure, während Wärme Aromen freisetzt, aber auch Alkohol stärker hervortreten lässt.